Dr. phil. Peer Heinelt

Roland Müller: Wege zum Ruhm. Militärpsychiatrie im Zweiten Weltkrieg - das Beispiel Marburg, PapyRossa-Verlag Köln 2001, 431 S. (25,54 Euro)

Roland Müller beschließt seine Arbeit über die deutsche Militärpsychiatrie im Zweiten Weltkrieg mit folgender Einschätzung: „Die Militärpsychiatrie, wie sie hier beschrieben wurde, ist Vergangenheit. Ihre Ausformung gehört einer anderen Epoche an.“ Heute, so der Autor unter Berufung auf Karl Heinz Roth, Peter Riedesser und Axel Verderber, orientiere man sich bei der Bundeswehr eher an „modernen Formen der Panikprävention und Panikbehandlung“. Deren Grundzüge entwickelten die Therapeuten des Sanitätsdienstes der Luftwaffe zwischen 1939 und 1945: „So wurde hier schon im Vorfeld versucht, den ‘richtigen’ Mann auf den ‘richtigen’ Platz zu stellen; die Soldaten wurden chemisch gedopt, irritierte Soldaten wurden soweit wie möglich in Ruhestellung geführt, es wurde versucht, ihnen mit autogenem Training, mit Gruppentherapie etc. die Angst zu nehmen oder mit Hilfe ideologischer Schulung und chemischer Aufputscher die Motivation zu reaktivieren“ (S. 346). Der Verweis des Autors auf die spezifischen „Ausformungen“ der deutschen Militärpsychiatrie in der Ära des Nationalsozialismus allerdings zeigt, daß sich die materiellen und ideologischen Grundlagen der Disziplin bis heute nicht verändert haben: Krieg ist eine pathologische Situation, in der die Brutalität und der Zwangscharakter der gesellschaftlichen Verhältnisse im Kapitalismus überdeutlich zu Tage treten. Soldaten, die unbewußt dagegen aufbegehren und diverse „Kriegsneurosen“ entwickeln, werden von Militärpsychiatern mit dem Ziel therapiert, ihre Funktionstüchtigkeit für die kriegerische Produktion wieder herzustellen. Die behandelnden „Arztsoldaten“ sind dabei nicht ihrem hippokratischen Eid verpflichtet, sondern der Staatsräson.

Die Selbstverpflichtung der Psychiater auf die Staatsräson führte im Ersten Weltkrieg zu einem „Bannbruch“ im Bereich der psychiatrischen Behandlungsmethoden (S. 31ff.). Die Protagonisten der relativ jungen medizinischen Disziplin wollten ihre Nützlichkeit unter Beweis stellen, indem sie möglichst viele Kriegsneurotiker in möglichst kurzer Zeit wieder „fronttauglich“ machten. Ihre Vorgehensweise war denkbar einfach: „Die Erinnerung an den gefürchteten Kriegsdienst sollte vor den aktuellen Erlebnissen eines höchst unangenehmen Lazarettaufenthaltes verblassen“ (S. 34). Der Patient wurde zum Feind, „Kriegsneurose“ zum Synonym für „Drückebergerei“, „Therapie“ bedeutete schließlich nichts anderes als „medizinisch verschleierte Folter“, wie Müller in Anlehnung an Roth formuliert (S. 123). Das Instrumentarium reichte von „Gewaltexerzieren“, „Dauerbädern“ und „Scheinoperationen“ über gewaltsame Übungen mit schmerzhaften Stromgaben bis hin zu Isolationshaft. Zu den Behandlungsmethoden zählten außerdem Zwangsarbeit und Elektroschocks. All ihren Anstrengungen zum Trotz mußten die Militärpsychiater schließlich mit ansehen, wie sich einige der als „linke Psychopathen“, sprich Kriegsgegner, eingestuften Soldaten an der revolutionären Erhebung von 1918/19 beteiligten: „Die Beteiligung der Kriegsneurotiker am Revolutionsversuch wurde von den Psychiatern ... nicht nur als nachträgliche Bestätigung ihrer denunzierenden Diagnostik und als Rechtfertigung ihrer Behandlungsmethoden im Ersten Weltkrieg rezipiert, sondern als Schreckensbild bei Versagen zukünftigen militärpsychiatrischen Handelns“ (S. 44).

Ihre im Ersten Weltkrieg gewonnenen Einsichten konnten die deutschen Psychiater dann im Zweiten Weltkrieg rücksichtslos in die Tat umsetzen, wie Müller am Beispiel der Marburger Reservelazarette III und IV nachweist. Ersteres war der Universitätsnervenklinik unter Leitung von Ernst Kretschmer zugeordnet, letzteres gehörte zur Landesheilanstalt und stand unter Leitung von Albrecht Langelüddeke. In der Universitätsnervenklinik wurde systematisch gefoltert, wobei ihr Leiter mitunter hinsichtlich der Brutalität seiner Behandlungsmethoden noch über die Vorgaben von Heeressanitätsinspektion und NSDAP-Dienststellen hinausging: „Starke faradische Ströme waren aller Wahrscheinlichkeit nach von Anfang an in der Kriegsneurotikerbehandlung verboten, sicher aber von Anfang bis Ende des Krieges vom Einverständnis des Patienten abhängig. Ab Januar 1943 war allein der galvanische Strom zulässig, aber auch nur dann, wenn ‘einfache Suggestionsverfahren’, also Verbalsuggestion, Hypnose etc. erfolglos geblieben waren. (...) Die Behandlung der Kriegsneurotiker in der Marburger Universitätsnervenklinik fand ... demnach nicht gezwungenermaßen, sondern zweifelsfrei vorschriftswidrig statt“ (S. 140).

Sowohl Kretschmer als auch sein Kollege Langelüddeke stellten ihre Tätigkeit aus voller Überzeugung in den Dienst der „Rassenhygiene“. Allerdings erwies sich die von ihnen vehement geforderte Zwangssterilisierung psychisch kranker Soldaten bald als kontraproduktiv: „Die Rassenhygiene war militärisch störend. Dies war der Grund für die Sterilisationseinstellung zu Kriegsbeginn. Alle Kräfte sollten gebündelt werden. Nur in ‘dringenden’ Fällen durfte sterilisiert werden, die Verfahren wurden eingeschränkt. Von dieser Verfügung rückte der Staat auch nicht ab, als Psychiater ... darauf drängten. Im Gegenteil: angesichts der Kriegslage wurde im September 1944 selbst die Antragstellung untersagt“ (S. 256).

Woraus aber resultierte der maßlose Verfolgungseifer der Marburger „Arztsoldaten“, der sich insbesondere bei Langelüddeke auch in seiner Funktion als psychiatrischer Gutachter vor Militärgerichten niederschlug (S. 174 ff.)? Müller kommt zu folgendem Schluß: „Die militärpsychiatrische Brutalisierung erklärt sich aus der Geschichte der Psychiatrie als Fachdisziplin, des Psychiaterstandes und des politischen Konservatismus, nicht des Nationalsozialismus“ (S. 303). Der Aufstieg der Psychiatrie zur medizinischen Fachrichtung war untrennbar mit dem Militär verbunden. Während des Ersten Weltkriegs, der vom Gros der Psychiater in ihrer Eigenschaft als Bürgerliche und Deutsch-Nationale lebhaft begrüßt wurde, erfolgte die Erhebung der Militärpsychiater in den Offiziersstand. Es kam zum „Bannbruch“ - der Kriegserklärung an die Patienten. Als diese, zumeist Arbeiter, 1918/19 die Herrschaft der bürgerlichen Eliten insgesamt in Frage stellten, verwandelte sich die Verachtung für die als „minderwertig“ und „abartig“ Eingestuften in Haß. Aber nicht nur der Wunsch nach Rache für das erlittene „Novembertrauma“ ließ die deutschen Psychiater im NS-Staat ihren „Wunschstaat“ erblicken: „Seine Ideologie entsprach dem biologistischen Weltbild fast aller deutschen Psychiater, ihre Forderungen waren Parteiprogramm, ihre konservativen politischen Ziele waren die Ziele des Nationalsozialismus, und er beseitigte alle gesetzlichen Schranken, die das psychiatrische Handeln bisher einengten, bzw. machte deutlich, daß Verstöße nicht geahndet würden. Patienten wurden nun zu freiverfügbaren Versuchskaninchen. Das Projekt des gesunden Volkskörpers in der nächsten Generation lief an. Psychiater konnten Patienten bei Bedarf straffrei foltern“ (S. 305).

Die Angehörigen einer Disziplin, deren Reputation auf dem rigorosen Einsatz der Folter beruht, entwickeln notwendigerweise einen besonders starken Korpsgeist. Mit diesem hatte Müller noch in den neunziger Jahren zu kämpfen, als er Patientenakten, auf deren Auswertung seine Arbeit maßgeblich basiert, in der Marburger Universitätsnervenklinik einsehen wollte. Erst eine unmißverständliche Klagedrohung konnte die Klinikleitung dazu bewegen, ihrer Informationspflicht schließlich doch noch nachzukommen (S. 329 ff.). Somit liegt jetzt eine „exemplarische Schilderung konkreten militärpsychiatrischen Handelns auf der bisher unerforschten Ebene eines Reservelazaretts“ vor, die Einblick in die Struktur der Militärpsychiatrie im Zweiten Weltkrieg gibt und allein dadurch weit über eine „lokalhistorische Briefmarkensammlung“ (S. 13) hinausweist.

Veröffentlicht in: Utopie Kreativ, Nr. 161, 2004, S. 281ff.

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