Dr. phil. Peer Heinelt

Portrait eines Schreibtischtäters
Franz Ronneberger (1913-1999)

„Schreibmaschinentäter“ nannte Otto Köhler die von ihm identifizierten „unheimlichen Publizisten“ des Dritten Reichs. In bezug auf das 1999 verstorbene Ehrenmitglied der Deutschen Gesellschaft für Publizistik und Kommunikationswissenschaft (DGPuK), Franz Ronneberger, greift der Begriff jedoch zu kurz. Ronneberger gehörte nicht nur zu den Propagandisten des NS-Regimes, er war ebenso an der systematischen Erarbeitung der informationellen Grundlage der NS-Propaganda beteiligt wie an der Schaffung der wissenschaftlichen Basis für die nationalsozialistische Kriegs-, Ausbeutungs- und Vernichtungspolitik. Die von ihm in diesem Zusammenhang entwickelten Vorstellungen über die Funktionsweise und Wirkungsabsicht der Massenmedien decken sich mit denen, die er nach dem Ende des Dritten Reichs in der Bundesrepublik Deutschland zu Papier brachte. Diese Thesen sollen im folgenden anhand seiner Biographie belegt werden.

Aussagekräftiges Quellenmaterial zu Ronnebergers Karriere im Dritten Reich findet sich in verschiedenen deutschen und österreichischen Archiven: Herangezogen wurden der von der NSDAP-Gauleitung Wien angelegte Gauakt 90457, der im Österreichischen Staatsarchiv, Abteilung Archiv der Republik, aufbewahrt wird, sowie die ebenfalls hier vorhandenen Akten der Reichsstatthalterei Baldur von Schirach und des Kurators der wissenschaftlichen Hochschulen in Wien. Im Bundesarchiv Berlin findet sich eine Personalakte über Ronneberger (Bestand des ehemaligen Berlin Document Center); diese wurde ebenso eingesehen wie die hier vorhandenen Aktenbestände des Reichssicherheitshauptamts (R 58) und der Südosteuropa-Gesellschaft in Wien (R 63). Hinzu kamen verschiedene Akten der Abteilung DVIII bzw. Inland II C, der Presseabteilung und des Referats Partei des Auswärtigen Amts im Politischen Archiv des AA sowie der Briefwechsel zwischen Ronneberger und dem Südosteuropaforscher Fritz Valjavec, der im Südost-Institut München der wissenschaftlichen Öffentlichkeit zur Verfügung steht. Die im Bundesarchiv Koblenz vorliegende Akte über das Spruchkammerverfahren gegen Ronneberger in den Jahren 1947 und 1948 (Z 42 VII/1455) ist nur von bedingter Aussagekraft, da sie über weite Strecken lediglich die Ausflüchte des Angeklagten dokumentiert.

Daß ich mich bei meiner Darstellung der NS-Biographie Ronnebergers fast ausschließlich auf Archivalien stütze, hat Gründe: Während Ronneberger in neueren Forschungsarbeiten zur Wissenschafts- und Kulturpolitik des Dritten Reichs allenfalls am Rande vorkommt, bestimmte er im Rahmen der bundesdeutschen Kommunikationswissenschaft die Aussagen über seine NS-Vergangenheit weitgehend selbst. Seine apologetische Sichtweise wurde von Kollegen, Schülern und Adepten in Festschriften, Würdigungen und Nachrufen vorbehaltlos übernommen. Was allerdings den Lebensweg Ronnebergers in der Bundesrepublik betrifft, stellen Äußerungen dieser Art eine wichtige Quelle dar: An diesem Punkt der Biographie angekommen, mußte nichts mehr vertuscht oder schöngeredet werden, vielmehr konnte man sich im Glanz der interdisziplinären Karriere eines renommierten Wissenschaftlers sonnen. Im ersten Teil der vorliegenden Arbeit wird in aller gebotenen Kürze versucht, den beruflichen Werdegang Ronnebergers im Dritten Reich zu rekonstruieren. Der zweite Teil wird dann seine bundesdeutsche Biographie zum Inhalt haben.


Teil 1 - Der NS-Intellektuelle

1944, auf dem Höhepunkt seiner Karriere im Dritten Reich, führte der 31 Jahre alte Ronneberger mehrere parteiamtliche Dienstbezeichnungen und übte etliche verschiedene Funktionen aus: Er war SS-Untersturmführer und hauptamtlicher Mitarbeiter des Wiener SD, Gauhauptstellenleiter im Grenzlandamt der NSDAP-Gauleitung Niederdonau und Leiter der Außenstelle Südost der Reichsstudentenführung. Er leitete die Korrespondenzstelle Wien des Auswärtigen Amtes (Dienststelle Dr. Ronneberger) und den Nachrichtendienst der Südosteuropa-Gesellschaft (SOEG). Er war Dozent der Südost-Stiftung des Mitteleuropäischen Wirtschaftstages an der Hochschule für Welthandel in Wien, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Union Nationaler Journalistenverbände (UNJ), des ‘Völkischen Beobachters’ und anderer NS-Medien. Stellvertretend leitete er die Publikationsstelle Wien der Südostdeutschen Forschungsgemeinschaft (SODFG), die dem Reichssicherheitshauptamt (RSHA) unterstellt war. Wie es zu dieser Ämterhäufung kam, soll im folgenden skizziert werden.

Aufstieg eines Studentenfunktionärs

1932, als Jurastudent in Kiel, begann Ronneberger, sich im Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund (NSDStB) zu engagieren, wofür ihm nach der Machtübertragung an die Nationalsozialisten das Silberne Ehrenzeichen der faschistischen Studentenorganisation verliehen wurde. Ronneberger interessierte sich zunehmend für sogenannte Volkstumspolitik, deren Ziel es war, mit Hilfe der Mobilisierung deutschstämmiger Minderheiten (Volksdeutsche) in Europa eine an ethnischen Kriterien orientierte Staatenordnung unter deutscher Führung zu etablieren. Anfang 1934 entschloß er sich zum Umzug nach München, wo 1930 das ‘Institut zur Erforschung des Deutschtums im Süden und Südosten’ entstanden war, für das sich ab 1935 der Begriff ‘Südost-Institut’ (SOI) einbürgerte. Mit dem Mitarbeiter und späteren Geschäftsführer des SOI, Fritz Valjavec, sollte Ronneberger in den folgenden Jahren eine enge wissenschaftliche, politische und persönliche Beziehung verbinden.

Im Verlauf des Wintersemesters 1934/35 übernahm Ronneberger die Leitung des Außenamtes der Studentenschaft der Universität München. Das Außenamt hatte die Aufgabe, „die Studierenden, die beabsichtigen, ins Ausland zu gehen, zu schulen und darauf vorzubereiten, daß sie draußen das Deutschtum sauber vertreten. Es kann kein deutscher Student in Zukunft an einer ausländischen Hochschule zugelassen werden, der nicht durch diese Schulung bereits ein Halbjahr vorher erfaßt wurde“, hieß es in der Selbstdarstellung der Körperschaft. Geschult wurden die Münchner Studierenden in sogenannten studentischen Arbeitsgemeinschaften unter anderem von Fritz Valjavec, der dort über ‘Das Deutschtum in Südost-Europa’ oder ‘Organisationsformen des Auslandsdeutschtums’ sprach. Ronneberger schrieb 1944 rückblickend über das von ihm geleitete Außenamt, daß „im Rahmen dieser Dienststelle [die] Zusammenfassung und Lenkung des gesamten politischen und wissenschaftlichen Einsatzes der deutschen Studentenschaft in Südosteuropa“ erfolgt sei.

Im Verlauf des Jahres 1936 begannen Ronneberger und Valjavec mit dem Aufbau eines ‘Süd-Ost-Presseberichtes’. Nachdem sich eine der Arbeitsgemeinschaften des Außenamtes bereits mit der Beobachtung der ‘Auslandspresse’ befaßte, wurden jetzt auch die Publikationen der deutschstämmigen Minderheiten in Südosteuropa systematisch ausgewertet. Man wollte nicht nur wissen, was im Ausland über Nazideutschland gedacht wird, sondern auch über den Stand der nationalsozialistischen Mobilisierung bei den Angehörigen der deutschen Volksgruppen informiert sein. Elisabeth Noelle-Neumann gibt an, Ronneberger habe 1936 mit ihr zusammen die Lehrveranstaltungen des Zeitungswissenschaftlers Karl d’Ester in München besucht; sie selbst habe als Zellenleiterin der Arbeitsgemeinschaft Nationalsozialistischer Studentinnen (ANST), einer Unterorganisation des NSDStB, die Arbeitsgemeinschaft ‘Presseanalyse’ geleitet.

Am 1. Januar 1937, im Jahr seines Eintritts in die NSDAP, wurde Ronneberger zum Leiter der ‘Außenstelle Südost’ der Reichsstudentenführung ernannt; Valjavec erhielt das ebendort angesiedelte ‘Ungarnreferat’. Die Reichsstudentenführung (RSF) war im November 1936 aus der Zusammenfassung der Spitzen von Deutscher Studentenschaft und NSD-Studentenbund entstanden. SS-Obersturmbannführer Gustav Adolf Scheel wurde am 5. November 1936 zum Reichsstudentenführer berufen durch Ernennung zum Führer des NSDStB von Seiten der NSDAP und zum Reichsführer der Deutschen Studentenschaft von Seiten des Staates. Ronnebergers Pressebericht erschien fortan in seinem Namen.

Im Sommer 1938 übernahm Ronneberger ein weiteres Amt der ‘studentischen Außenarbeit’; am 1. Juli löste er Helmut Bauersfeld als Leiter der Deutschen Akademischen Auslandsstelle München ab. Der Zweck dieser Einrichtung des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) bestand darin, durch Vorträge, Führungen, Betriebsbesichtigungen, Arbeitsgemeinschaften über ‘Gegenwartsfragen’, gesellschaftliche Veranstaltungen und Ausflüge den in München studierenden Ausländern den „Anschluß an das geistige und wissenschaftliche Leben in der Hauptstadt der Bewegung“ zu erleichtern. Die Aufgabenstellung der Institution legt nahe, daß Ronneberger in seiner neuen Funktion unter anderem einen Besuch des KZ Dachau anregte, den er dem Öffentlichen Ankläger am Spruchgericht Stade ausführlich geschildert hat. Daß Ronneberger bei diesen Einlassungen so viel Wert darauf legte, keine politischen Häftlinge, sondern lediglich „Arbeitsverweigerer“ und „Gewohnheitsverbrecher“ im KZ Dachau gesehen zu haben, läßt den Schluß zu, daß er das KZ im Zusammenhang mit der Aktion ‘Arbeitsscheu Reich’ aufsuchte. Im Rahmen dieser Aktion verhafteten Geheime Staatspolizei und Kriminalpolizei in den Monaten März und Juni des Jahres 1938 mehr als 10000 Angehörige subproletarischer Schichten sowie Sinti und Roma (‘Asoziale’) und wiesen sie in die Konzentrationslager Buchenwald, Sachsenhausen und Dachau ein. Die dort bisher dominierenden politischen Häftlinge wurden zur Minderheit. Zur Aktion ‘Arbeitsscheu Reich’ gehörte auch die Propaganda gegen ‘Arbeitsverweigerer’ und ‘Gewohnheitsverbrecher’; gerne führte man ausländischen Gästen die internierten ‘asozialen Elemente’ und ‘jüdischen Verbrechertypen’ vor.

Ronnebergers wissenschaftliche Entwicklung ging mit seiner politischen Entwicklung einher; beides war untrennbar miteinander verflochten. Die von ihm repräsentierte ‘Südostforschung’ stand stets unter dem Primat der nationalsozialistischen Politik. Dies zeigte sich bereits 1935/36 beim 1. Reichsleistungskampf der Studenten, als er gemeinsam mit vier Jurakommilitonen die Arbeit ‘Die ordnende Kraft der völkischen Idee im südosteuropäischen Raum’ vorlegte. Der von Franz Alfred Six organisierte Wettbewerb stand unter dem Motto: „Nur Nationalsozialisten können nationalsozialistische Wissenschaft gestalten.“ Da Ronneberger als Leiter des ‘Südostbewertungsausschusses’ nicht seine eigene Arbeit bewerten konnte, übertrug er kurzerhand Valjavec diese Funktion. Dieser und Gustav Fochler-Hauke, ein Schüler des Geopolitikers Karl Haushofer, beurteilten Ronnebergers Arbeit übereinstimmend als „pol[itisch]-wissensch[aftlich] und prakt[isch]-pol[itisch] wertvoll“. In seiner Dissertation ‘Südosteuropa im politischen Ordnungsbild Bismarcks’ von 1938 bemühte er sich, die Außenpolitik des Reichskanzlers als Vorwegnahme völkischer Großraumpolitik darzustellen.

Pressearbeit und ‘Südostforschung’

Zur Jahreswende 1938/39 war Ronneberger in den an Südosteuropa interessierten Kreisen der nationalsozialistischen Nomenklatura kein Unbekannter mehr: Er gab einen Pressebericht über Südosteuropa heraus und unterhielt gute Kontakte zu den faschistischen Volksgruppenführern Fritz Fabritius (Rumänien), Franz Basch (Ungarn) und Franz Karmasin (Slowakei). Im Frühjahr 1939 holte ihn SS-Obergruppenführer Arthur Seyß-Inquart, Reichsstatthalter für das Deutschland ‘angeschlossene’ Österreich, in seinen Mitarbeiterstab nach Wien; Ronneberger behielt seine Funktion bei der Reichsstudentenführung. Man beauftragte ihn mit dem „Aufbau einer Dienststelle zur Erforschung des Pressewesens in Südosteuropa und der laufenden Presse- und politischen Berichterstattung“. Wieder gab Ronneberger einen ‘Pressebericht’ heraus - von Valjavec als „schlechthin führend“ bezeichnet - und begann mit dem Aufbau eines Netzes von Verbindungsleuten in Südosteuropa, die wahlweise als Agenten, Korrespondenten oder wissenschaftliche Mitarbeiter bezeichnet werden können.

Nach Ronnebergers Aussage erfolgte im Laufe des Jahres 1940 die „Übernahme“ seiner Dienststelle durch das Auswärtige Amt (AA), wo man bereits kurz nach dem Amtsantritt Ribbentrops 1938 begonnen hatte, sich mit der Einrichtung eines ‘Südost Nachrichtendienstes’ zu befassen. Nachrichten aus Südosteuropa sollten in Wien gesammelt und ‘bearbeitet’ werden, um damit einerseits die in Berlin und Wien ansässigen Korrespondenten neutraler Staaten und andererseits die ‘Verteilerstationen in allen Hauptstädten des Südostens’ zu beliefern. Durch die Lancierung von Pressemeldungen erhoffte man sich, daß neutrale Medien diese aufnehmen und verbreiten würden; die Meldungen konnten dann von der deutschen Auslandspropaganda wiederum zitiert und als Beleg für die Seriosität der eigenen Aussagen herangezogen werden. Am 16. November 1939 teilte der stellvertretende Leiter der Presseabteilung des AA, Paul Karl Schmidt, dem zuständigen Referenten Günter Lohse mit, daß Außenminister Ribbentrop die Genehmigung zur Errichtung eines ‘Südost-Dienstes’ gegeben habe. Versehen war das Einverständnis des Ministers allerdings mit der „strikten Weisung“, daß „Wien in keiner Weise als Zentrale oder besonders wichtige Arbeitsstelle in Erscheinung treten“ dürfe. Die fünf Tage später in Berlin gegründete Südost-Dienst GmbH war, so Lohse, „zwar nach aussen hin eine private Gesellschaft, in Wahrheit aber eine vom Auswärtigen Amt ressortierende und für den Krieg geschaffene Gesellschaft zur Durchdringung des neutralen Südostens und des Orients mit deutschen Nachrichten“, die unter dem Namen ‘Transkontinent Press’ erschienen. Ihre Verbreitung erfolgte zunächst über das Korrespondentennetz der Wiener Zeitschrift ‘Südost-Echo’, das dem AA seinerseits zur Informationsgewinnung diente.

Neben der Südost-Dienst GmbH unterhielt das Auswärtige Amt einen ‘Eigendienst’, der durch tägliche Telefonate mit den deutschen Botschaften in Budapest, Belgrad, Sofia, Bukarest und Athen die „schnelle amtliche Unterrichtung der Presseabteilung über die Haltung der Presse dieser Länder“ gewährleistete. Das ‘Büro Ronneberger’ sollte „auf Grund langjähriger Verbindungen zu den Ländern des Südostens, auch zu Provinzstädten“ die „presse-politische Sonderaufgabe“ erfüllen, „Nachrichten jeder Art aus dem Südosten aufzunehmen und der aussenpolitischen Leitung des Reiches zur Verfügung zu stellen“; gefragt waren insbesondere „stimmungsmässig wichtige Berichte“. Begründet wurde die Mehrzahl der unabhängig von einander arbeitenden Nachrichtendienste damit, daß „bei der Verschiedenartigkeit der speziellen Aufgabenstellungen eine ausserordentlich breite Basis für die Nachrichtenhereinnahme geschaffen wird, die eine Kontrolle über die Richtigkeit und volle Zuverlässigkeit der Nachrichten auf den verschiedenen Wegen ermöglicht“. Zudem sei „bei Eingriffen von Regierungen im Südosten gegen die eine oder andere Einrichtung“ nicht gleich „die Lahmlegung des gesamten Nachrichtenapparates in dem betreffenden Lande“ zu befürchten. Anfang 1940 erhielt Ronnebergers Dienststelle monatlich RM 2500 von der Presseabteilung und RM 2000 von der Personalabteilung des AA. Offiziell allerdings war Ronneberger Chef der Presse- und Informationsabteilung im Grenzlandamt der NSDAP-Gauleitungen von Wien und Niederdonau und gehörte als Gauhauptstellenleiter zum Korps der politischen Leiter der NSDAP. Der Leiter des Grenzlandamtes, SS-Hauptsturmführer Helmut Triska, wechselte Ende 1940 in die Abteilung DVIII (Volkstumspolitik) des Auswärtigen Amts.

Nach Angaben Ronnebergers umfaßten die Arbeiten seiner Korrespondenzstelle - neben der von ihm bei dieser Gelegenheit nicht genannten Auswertung und Weiterleitung von Agentenberichten - folgende Aufgabenbereiche:

die Erstellung von Presseschauen südosteuropäischer Zeitungen „mit besonderer Betonung der für die Kriegführung wesentlichen Momente“,
das Verfassen von Berichten über einzelne südosteuropäische Staaten,
die Einrichtung eines Übersetzungsdienstes,

das Führen einer Personenkartei und einer Sachkartei „der wichtigsten Institutionen Südosteuropas vor allem der politischen Organisationen“ sowie

die Unterhaltung einer Bibliothek „des südosteuropäischen und des europäischen Schrifttums über Südosteuropa, unter besonderer Bevorzugung von Soziologie, neuer Geschichte und Wirtschaft“.

Auf Anfrage erstellte die Korrespondenzstelle Wien auch Analysen über Spezialthemen; zu den Abnehmern Ronnebergers gehörten neben dem AA sowie anderen Ministerien und Behörden der militärische Geheimdienst, das Amt Ausland/Abwehr beim Oberkommando der Wehrmacht, und das Reichssicherheitshauptamt (RSHA), das von Himmler im September 1939 durch die Zusammenfassung von Gestapo, Kriminalpolizei und SD unter Reinhard Heydrich begründet worden war.

Ronnebergers wichtigste Tätigkeit im Rahmen seiner Korrespondenzstelle dürfte allerdings das Abfassen von politischen Wochenberichten über Südosteuropa gewesen sein. Diese waren nach Ländern unterteilt und jeweils in zwei Teile gegliedert: Teil I, die sogenannte Übersicht, gab in Form einer Zeittafel einen Überblick über die politischen Geschehnisse, die sich während der zurückliegenden Woche in dem jeweiligen südosteuropäischen Land zugetragen hatten. Teil II (Presse) analysierte und bewertete die Berichterstattung über die zuvor geschilderten Ereignisse im Hinblick auf die innen- und außenpolitische Situation des jeweiligen Landes. Ronneberger ging es dabei vor allem um die Loyalität der herrschenden Klassen gegenüber Deutschland; genau beobachtete er deren interne Machtkämpfe und ihr Verhältnis zur deutschen Volksgruppe; die antisemitischen Maßnahmen der Regierungen wurden daraufhin untersucht, ob sie den Ansprüchen der ‘Rassenhygiene’ genügen. Nach dem Überfall auf die Sowjetunion interessierte ihn in zunehmendem Maße der staatliche Umgang mit Kommunisten und Partisanen; gleichzeitig begann er, die Kriegsfähigkeit der südosteuropäischen Staaten einzuschätzen, wobei der Umgang der Bevölkerung mit den Erfordernissen der Kriegsproduktion, ihre Reaktion auf Rationierungen und die allgemeine Stimmungslage im Vordergrund standen. Die Haltung der gesellschaftlichen Eliten zu den ‘Feindmächten’, ihr Verhältnis zur ‘europäischen Großraumwirtschaft’ und zu ihren südosteuropäischen Nachbarn waren weitere Schwerpunkte von Ronnebergers Berichten.

In der mittlerweile von Baldur von Schirach geleiteten Reichsstatthalterei wurde man wieder auf Ronneberger aufmerksam. Dessen Dienststelle war Thema eines Berichts, den HJ-Gebietsführer Günter Kaufmann, Presse- und Südosteuropareferent des Reichsstatthalters, am 19. September 1940 für seinen Chef anfertigte: „Die Arbeit von Dr. Ronneberger dient dazu, eine zweite Information des Auswärtigen Amtes neben der durch die Gesandtschaft vorzunehmen, wodurch dem Reichsminister des Auswärtigen solche Dinge als Mitteilung zu Ohren kommen, die von den Gesandten in ihren Berichten nicht genannt werden. Es scheint so, als ob die Materialunterlagen für den Wiener Schiedsspruch zu einem großen Teil aus dieser Informationsquelle stammen. (...) Auf dem Gebiet der Slowakei, Nähe der Protektoratsgrenze, befindet sich der Donausender, ein Propagandasender des Reiches, der ausschließlich in den Balkansprachen Nachrichten verbreitet. Für diesen Donausender geht das Informationsmaterial von Dr. Ronneberger und dem Wiener SD nach Berlin. Zunächst ins Auswärtige Amt, von da in die Südost-Redaktion des Propagandaministeriums, die die letzte Entscheidung darüber trifft, in welcher Form Nachrichten herausgegeben werden.“

Verbunden mit dem Bericht war Kaufmanns Vorschlag an Schirach, zu prüfen, ob Ronneberger nicht die ‘Informationsstelle’ der Südosteuropa-Gesellschaft (SOEG) übernehmen sollte. Dieser eingetragene Verein war am 8. Februar 1940 unter Schirmherrschaft von Reichswirtschaftsminister und Reichsbankpräsident Walther Funk mit Josef Bürckel als Präsident gegründet worden. Dessen Nachfolger im Amt des Reichsstatthalters und Gauleiters in Wien, Baldur von Schirach, übernahm im September 1940 auch die Präsidentschaft über die SOEG; Kaufmann wurde einer der drei Vizepräsidenten. In Konkurrenz zu dem von Ruhrindustrie, Großbanken und IG Farben dominierten Mitteleuropäischen Wirtschaftstag (MWT) und dem Südostausschuß der Reichsgruppe Industrie hatte man sich die ökonomische Durchdringung der südosteuropäischen Länder zur Aufgabe gemacht; nach Art einer Dachgesellschaft sollte die SOEG die Arbeit der an Südosteuropa interessierten Stellen koordinieren und lenken. Obwohl der Schwerpunkt ihrer Aktivitäten auf Agrar- und Industrieplanungen im Rahmen einer zukünftigen von Deutschland dominierten europäischen ‘Großraumwirtschaft’ lag, wurden auch einzelne konkrete kriegswirtschaftliche und militärische Projekte in Angriff genommen. Kulturpolitische Aktivitäten, wie die Durchführung von gemeinsam mit der Deutschen Akademie organisierten Vortragsveranstaltungen über Südosteuropa, bildeten einen weiteren Arbeitsschwerpunkt der Gesellschaft.

Die von Ronneberger im Auftrag der SOEG herausgegebenen ‘Vertraulichen Wirtschaftsnachrichten’ (VWN) sind Dokumente der nationalsozialistischen Eroberungs-, Ausbeutungs- und Vernichtungspolitik auf dem Balkan und bildeten gleichzeitig deren informationelle Grundlage. Zwei Beispiele stehen hier für viele: Am 6. Juni 1941, die Eroberung Kretas durch deutsche Truppen war gerade abgeschlossen, erschien in den VWN ein Bericht über die ökonomische Struktur der griechischen Insel. Die sechs Tage später erscheinende Meldung Nr. 206 der VWN (Tagesbericht) hatte folgenden Wortlaut: „Die Juden in Sarajevo, die gelbe Armbinden zu tragen haben, liessen sich in den letzten Tagen häufig auf den Straßen ohne dieses Kennzeichen blicken, weshalb sie strenge Strafen zu gewärtigen haben. Bemerkenswert ist, dass in Sarajevo, das über 80000 Einwohner zählt, fast 10000 Juden leben.“

1942 ging Ronnebergers Wirtschaftsdienst regelmäßig an 235 Bezieher, darunter auch zahlreiche deutsche Unternehmen. Die VWN waren eines der erfolgreichsten Projekte der SOEG; sie trugen ihr bei Konzernen und Behörden das Image einer hochqualifizierten, selbstlosen Dienstleistungsagentur ein. Claus Morgenstern, Leiter der Nachrichtenabteilung der Deutschen Bank, hob hervor, daß sich die VWN „durch besondere Präzision, Schnelligkeit und straffe Unterscheidung von wichtigen und unwichtigen Dingen“ auszeichnen, während Lothar Heller, der Wirtschaftsbeauftragte der Volksdeutschen Mittelstelle, betonte, daß sie „eine wesentliche Unterstützung für die Sicherung des deutschen Einflusses und für die kriegswirtschaftliche Ausnutzung der Deutschen Volksgruppen in den Ländern im Südosten“ darstellen. Die VWN dürften etliche Firmen dazu ermutigt haben, sich mit der Bitte an die SOEG zu wenden, bei der ‘Arisierung’ von Unternehmen in Südosteuropa berücksichtigt zu werden.

Seit April 1940 hielt Ronneberger Vorlesungen im Auftrag der ‘Südost-Stiftung des Mitteleuropäischen Wirtschaftstages Berlin zur Heranbildung junger Kaufleute für Südosteuropa an der Hochschule für Welthandel in Wien’. Der MWT hatte sich in den Jahren 1931 bis 1938 unter Leitung des Krupp-Aufsichtsratsvorsitzenden Tilo Freiherr von Wilmowsky zum ‘Think-Tank’ der deutschen Expansionspolitik gegenüber Südosteuropa entwickelt. Ziel der 1940 aufgenommenen Lehrveranstaltungen der Südost-Stiftung war es denn auch, die Teilnehmer zu befähigen, „im Wirtschaftsleben Südosteuropas erfolgreich zu arbeiten und im Rahmen der kommenden europäischen Großraumwirtschaft zur Festigung und Ausweitung der wechselseitigen Wirtschaftsbeziehungen entscheidend mitzuwirken“. Ronneberger vermittelte seinen Studenten eine ‘Einführung in die politischen und sozialen Probleme Südosteuropas’, und Hermann Gross, seit dem 28. März 1939 Leiter der Wiener Zweigstelle der Volkswirtschaftlichen Abteilung der IG Farben, sprach über die ‘allgemeine Wirtschaftspolitik der Südoststaaten’; geleitet wurde die Südost-Stiftung von Kurt Knoll, dem Rektor der Hochschule für Welthandel (HfWh). Da auch ‘Presse, Zeitschriften, Propaganda des Südostens und ihre politischen und wirtschaftlichen Voraussetzungen’ zentrale Themen der Ausbildung waren, bot Ronneberger ab dem Sommersemester 1941 Übungen zur ‘Presse Südosteuropas’ an. Weitere thematische Schwerpunkte seiner Lehrtätigkeit waren ‘Männer und gestaltende Ideen Südosteuropas’ oder die ‘englische Südostpolitik’.

Am 28. September 1944 habilitierte sich Ronneberger an der HfWh mit seiner Arbeit ‘Wege staatswissenschaftlicher Forschung in Südosteuropa’; begutachtet wurde sie von Hellmut Georg Isele (Jura), Erich Preiser und Hermann Gross (Staats- und Wirtschaftswissenschaft). Die Habilitationsschrift wurde aufgrund des Kriegsverlaufs nicht mehr veröffentlicht, aber es läßt sich erahnen, was Ronneberger hier niedergeschrieben hat. Bereits 1943 hatte er Südosteuropa in dem völkischen Verwaltungsorgan ‘Reich-Volksordnung-Lebensraum’ aus staatswissenschaftlicher Perspektive betrachtet. Nachdem er bei dieser Gelegenheit einmal mehr klargestellt hatte, daß es sich bei der ‘Südostforschung’ nicht um eine „objektive Wissenschaft“ handele, sondern um einen „ausgesprochen politischen Wissenschaftsbereich“, kam er unter Berufung auf die Großraum-Ideologen Friedrich Naumann, Hermann Gross, Karl C. v. Loesch, Hans Jürgen Seraphim und Giselher Wirsing zu folgenden Schlüssen: „Wir wollen Südosteuropa als einen Teil Mitteleuropas betrachten, auch wenn die Grenzen des politischen Südosteuropabegriffs teilweise über die Mitteleuropas hinausgehen. Einen Gegensatz zwischen Südosteuropa und Mitteleuropa zu schaffen, hieße einen lebendigen Zusammenhang zerstören und dem südosteuropäischen Raum ein Sonderschicksal zuweisen, das gerade heute angesichts des gemeinsamen politisch-militärischen Frontverlaufs der Wirklichkeit widerspräche. (...) So zwingend und vielfach die politischen Gemeinsamkeiten in Südosteuropa sind, so wenig darf übersehen werden, daß dennoch dieser Raum kein eigenes politisches Dasein führt, noch führen kann. Das wirtschaftliche Moment ist keineswegs das einzige, das die Ergänzung mit einem anderen Raum fordert. (...) Eine echte Befruchtung kann nur von einem Volk und aus einem Raume kommen, die mit Südosteuropa in einem engen lebensgesetzlichen Zusammenhang stehen. Dies ist das Reich in seiner historischen und gegenwärtigen Gestalt.“

Journalismus und Medienanalyse

In den Jahren 1941 bis 1943 verging kaum eine Woche, ohne daß ein Artikel Ronnebergers in der Wiener Ausgabe des ‘Völkischen Beobachters’ erschien; teilweise wurden seine Artikel auch in anderen Ausgaben des NSDAP-Zentralorgans abgedruckt. Allesamt dienten sie der propagandistischen Begleitung der imperialistischen deutschen Außenpolitik auf dem Balkan. Als Jugoslawien am 25. März 1941 dem zwischen Deutschland, Italien und Japan geschlossenen ‘Dreimächtepakt’ beitrat, wurde dies von Ronneberger lebhaft begrüßt: Der Weg für den Angriff auf Griechenland, wo man den im Verlauf seiner Aggression in Bedrängnis geratenen italienischen Bundesgenossen unterstützen wollte, war frei, und die ‘Südostflanke’ konnte für den Angriff auf die Sowjetunion gesichert werden. Der mit Zustimmung großer Bevölkerungsteile durchgeführte Militärputsch gegen die amtierende deutschfreundliche jugoslawische Regierung am 27. März 1941 und der anschließende Abschluß eines Freundschaftsvertrages mit der Sowjetunion am 5. April 1941 machten die deutschen Pläne zunichte. Jetzt entdeckte Ronneberger die „Despotie des orientalisch-osmanisch beeinflußten und bestimmten“ Serbien und dessen „großserbischen Nationalismus“; folgerichtig bejubelte er nach der Vernichtung Jugoslawiens die Gründung des kroatischen Satellitenstaates unter Führung von Ante Pavelic und seiner faschistischen Ustascha-Bewegung.

Mit der Zerschlagung Griechenlands, das, wie Ronneberger sich ausdrückte, seine „Rechnung mit Europa“ machen mußte, war die äußere Neuordnung Südosteuropas vorerst abgeschlossen. Ronneberger konnte sich ab sofort mit der inneren Neuordnung befassen; am 15. Mai 1941 wandte er sich im ‘Völkischen Beobachter’ der ‘Judenfrage in Südosteuropa’ zu. Seiner Ausgangsthese nach hat das Judentum die „dünne bürgerliche Mittelschicht“ in den Gesellschaften der südosteuropäischen Staaten erobert, bildet einen „Keil zwischen Bauern und oberster Führung“ und verhindert damit „systematisch den normalen soziologischen Aufbau des Gastvolkes“. Eine „weitere jüdische Überfremdung“, sei „mit der Niederlassung des Emigrantenschwarmes aus Deutschland“ eingetreten; insgesamt schätze man die Zahl der „Rassejuden“ in Südosteuropa auf 2,5 Millionen. Im folgenden untersucht Ronneberger die politischen und juristischen Maßnahmen einzelner südosteuropäischer Staaten zur Diskriminierung und Enteignung ihrer jüdischen Staatsbürger in Bezug darauf, ob sie geeignet sind, „die Ausmerzung des Judentums aus dem Volkskörper“ zu gewährleisten. Die beste Note erteilt Ronneberger dem slowakischen Satellitenstaat, dessen antisemitische Maßnahmen „bereits praktisch in den Bereich der Ausmerzung des rassischen Judentums überhaupt“ fielen.

Am 29. April 1942 - die Deportation der slowakischen Juden in die Vernichtungslager im besetzten Polen war bereits in vollem Gange - kam Ronneberger auf die Vorbildfunktion der Slowakei zurück. Zwar sei auch hier die „Gesamtaussiedlung des Judentums“ von „sentimentalem Mitleid“ behindert worden, allerdings hätten sich die volksdeutsche und die nationale slowakische Presse „so hundertprozentig in den Dienst der Aufklärungsarbeit über die jüdische Frage gestellt, daß der Erfolg nicht ausbleiben konnte“. Besonders der ‘Grenzbote’, habe „schonungslos die zahlreichen Schlupfwinkel“ der Juden aufgedeckt. Letztlich entscheidend für den Erfolg der Deportationen aber war laut Ronneberger die Zustimmung der katholischen Kirche: „Damit war auch die letzte Unterschlupfmöglichkeit für das Judentum beseitigt, so daß nunmehr die eingeleiteten Maßnahmen (Unterbringung in Konzentrations- und Arbeitslagern) und konsequente Aussiedlung störungslos fortgesetzt werden können.“

Parallel zu seiner Mitarbeit beim ‘Völkischen Beobachter’ schrieb Ronneberger immer wieder für die Presse der faschistischen Volksgruppenführungen. Hierzu zählten der bereits erwähnte ‘Grenzbote’, die Tageszeitung der Deutschen Partei in der Slowakei, und die von Franz Karmasin herausgegebenen ‘Deutschen Stimmen’, ‘Volk im Osten’, die Zeitschrift der rumänischen Volksgruppenführung unter Leitung von Andreas Schmidt und die von Franz Basch in Ungarn herausgegebene ‘Südostdeutsche Rundschau’. Weitere Printmedien, für die Ronneberger arbeitete, waren die ‘Donauzeitung’, das Organ der deutschen Besatzungsmacht in Serbien unter Leitung des SS-Journalisten Leonhard Oberascher, das antisemitisch-rassistische Wissenschaftsblatt ‘Volkstum im Südosten’ von Felix Kraus, dem Ronneberger ab 1943 als Mitherausgeber zur Seite stand, ‘Berlin-Rom-Tokio’, das Monatsblatt des Auswärtigen Amtes, und die von Giselher Wirsing herausgegebene Zeitschrift ‘Das XX. Jahrhundert’.

Am 11. Dezember 1941 war im Wiener Palais Schönborn die Union Nationaler Journalistenverbände (UNJ) gegründet worden. Ronneberger wurde Mitarbeiter des ‘Instituts zur Erforschung und Förderung des internationalen Pressewesens’ (EFIP), das der UNJ angegliedert war. Im EFIP arbeiteten unter Leitung des Generalsekretärs der UNJ, Maximilian Freiherr du Prel, vier Hauptabteilungen (Zeitungen, Zeitschriften, Nachrichten, Bild); Ronneberger oblag ganz allgemein die „Durchführung wissenschaftlicher Forschungsaufgaben“. Das wichtigste Ergebnis seiner Tätigkeit dürfte die Analyse über den ‘Anteil der Presse an der Vorbereitung des Belgrader Putsches 1941’ sein, die er am 24. Juni 1943 bei der 2. Internationalen Journalistentagung der UNJ in Wien den Anwesenden übergab.

Ronneberger, der sich mit dem Problem konfrontiert sah, daß weite Kreise der jugoslawischen Bevölkerung den Staatsstreich vom 27. März 1941 und seine außenpolitische Motivation unterstützt hatten, stellte sich die Frage, „wie es möglich war, daß ein so großer Teil der Bevölkerung irregeführt werden konnte“. Die englische, französische, US-amerikanische und sowjetische Propaganda, so die Antwort, habe „Angst und Schrecken“ vor Deutschland verbreitet, was von der jugoslawischen Presse entweder übernommen oder mit Schweigen bedacht worden sei; „dieses Schweigen“ aber habe „die Thesen der Gegner unterstützt“. Mit dem Abschluß des jugoslawisch-sowjetischen Handelsabkommens im Mai 1940 habe gar ein regelrechter „Rußland- und Moskaurummel“ in der jugoslawischen Presse eingesetzt, was von der „linksorganisierten Lehrerschaft“, „linkseingestellten Universitätsprofessoren“, „jüdischen Buchhandlungen“ und der kommunistischen Partei gefördert worden sei. Die jugoslawische Regierung habe „diesem ganzen Treiben“ tatenlos zugesehen, weshalb die jugoslawische Presse „die wahren Feinde des Landes“ nicht beim Namen genannt und „die Eingliederung Jugoslawiens in den Dreimächtepakt“ nicht vorbereitet habe. Im Endeffekt habe „die Öffentlichkeit im ehemaligen Jugoslawien“ im Frühjahr 1941 unter einem starken „psychologischen Zwang“ gestanden, der sie schließlich den Staatsstreich befürworten ließ. Dieses Ergebnis, so Ronneberger zum Abschluß seiner Untersuchung, liefere „den Beweis für die zerstörenden Möglichkeiten, die dem Presseinstrument innewohnen, wenn es von verantwortungslosen, unmoralischen, sensationslüsternen, nur dem Geschäft verfallenen Menschen mißbraucht wird“.

‘Akademische Legion’ der SS

Zu Kriegsbeginn war Ronneberger vom Vorbereitungsdienst für Justizreferendare freigestellt worden und fand zunächst Verwendung für die Dienststelle des Amtes Ausland/Abwehr beim Stellvertretenden Generalkommando des XVII. Armeekorps. Die von ihm in dieser Funktion erstellten Berichte gingen auch an die Wiener Außenstelle der Volkswirtschaftlichen Abteilung des IG Farben-Konzerns; Hermann Gross lobte sie als „stets sehr objektiv“. Im April 1942 erfolgte dann Ronnebergers Übernahme durch den SD-Leitabschnitt Wien, für den er zuvor bereits inoffiziell gearbeitet hatte; dem Leiter des Referats VI (Auslandsaufklärung) beim Wiener SD, SS-Hauptsturmführer Wilhelm Höttl, waren die „Pressemitteilungen“ seines „Mitarbeiters Dr. Ronneberger“ spätestens seit dem Frühjahr 1940 geläufig. Im Jahr zuvor hatte Ronneberger seine Aufnahme in die SS beantragt; er beantwortete einen Fragebogen des Rasse- und Siedlungs-Hauptamtes der SS (RuSHA) und schrieb an das Polizeipräsidium München, daß er ein polizeiliches Führungszeugnis benötige - „zwecks Aufnahme in die SS“. Am 15. Januar 1942 erhielt Ronneberger die Mitgliedsnummer 415905 und wurde zum Untersturmführer der SS ernannt.

Aus Ronnebergers wissenschaftlicher Karriere ist die SS nicht wegzudenken. Das Deutsche Auslandswissenschaftliche Institut in Berlin (DAWI), dem Ronneberger zuarbeitete, kam auf Initiative des SD zustande; Präsident des DAWI wurde SS-Standartenführer Franz Alfred Six, seines Zeichens Leiter des Amtes VII (Weltanschauliche Forschung und Auswertung) im RSHA. Am 1. Dezember 1944 war Ronneberger Gast einer Soziologentagung im ‘Gästehaus’ am Großen Wannsee, in dem Anfang 1942 die Konferenz über die ‘Endlösung der Judenfrage’ stattgefunden hatte. Die Einladung war vom Chef des Amtes III (Deutsche Lebensgebiete) im RSHA, SS-Gruppenführer Otto Ohlendorf, ausgesprochen worden, der als Führer der Einsatzgruppe D bereits massiv an der ‘Endlösung’ mitgewirkt hatte. Bei der Südost-Stiftung des MWT hatte die SS eine Schlüsselstellung besetzt: Die Leitung der Lehrgänge lag in den Händen des Rektors der HfWh, Kurt Knoll, der zu den ‘besten Mitarbeitern des SD-Leitabschnitts Wien’ gezählt wurde und es bis zum SS-Standartenführer brachte. Mit ihm war Ronneberger zudem über die Südosteuropa-Gesellschaft verbunden, deren Beirat Knoll angehörte. Wichtige Positionen innerhalb der SOEG waren 1942 von führenden Vertretern des SS/SD-Komplexes besetzt: Vizepräsident der SOEG war Heydrichs Staatssekretär im ‘Protektorat Böhmen und Mähren’, SS-Gruppenführer Karl Hermann Frank; zum Präsidium gehörten auch der spätere Chef des RSHA, Ernst Kaltenbrunner, und SS-Obergruppenführer Werner Lorenz von der Volksdeutschen Mittelstelle.

Für den SD war Ronneberger nicht nur als Propagandist interessant, sondern insbesondere weil er über ein Netz von Verbindungs- und Vertrauensleuten in allen südosteuropäischen Staaten verfügte; um auch den direkten persönlichen Kontakt zu seinen Mitarbeitern nicht abreißen zu lassen, unternahm er zahlreiche Reisen in diese Länder. Noch im Juli 1944 plante er gemeinsam mit Leonhard Oberascher, sämtliche „wissenschaftlichen Arbeiten, Institute und Bestrebungen im Südosten“ zu erfassen, „die in irgendeiner Kampfstellung gegenüber den deutschen politischen und wissenschaftlichen Intentionen stehen“.

Im Mai 1944 wurde Ronnebergers Pressedienststelle mit der Publikationsstelle Wien der Südostdeutschen Forschungsgemeinschaft vereinigt, von der er spätestens seit Frühjahr 1943 eine monatliche „Beihilfe“ über RM 1500 bezog, die die Publikationsstelle ihrerseits mit dem Auswärtigen Amt abrechnete. Die Südostdeutsche Forschungsgemeinschaft (SODFG) war eine von fünf bis 1934 unter Federführung des Auswärtigen Amtes und des Reichsministeriums des Innern gegründeten ‘Volksdeutschen Forschungsgemeinschaften’ (Alpenländische, Westdeutsche, Nordostdeutsche und Überseedeutsche Forschungsgemeinschaft). 1937 hatte die SODFG einen Übersetzungsdienst für Bücher, Zeitungen und Zeitschriften aus Südosteuropa eingerichtet, der später in ‘Publikationsstelle’ umbenannt wurde. Die Leitung übernahm Wilfried Krallert, der seit 1936 als Geschäftsführer der SODFG fungierte. Beim Einmarsch nach Jugoslawien 1941 konnte die SODFG laut Krallert „wichtige Arbeitsbeihilfen“ liefern; entsprechend dem Bedarf der deutschen Okkupationsbehörden gab die Publikationsstelle Wien in der Folgezeit volkstumspolitische, bevölkerungsstatistische, landeskundliche und verwaltungsgeographische Ausarbeitungen in Karten- und Verzeichnisform heraus. Sie konnte dabei zum Teil auf Materialien zurückgreifen, die Krallert selbst im Auftrag des Auswärtigen Amts bzw. als Angehöriger des SS-Sonderkommandos Künsberg in Jugoslawien und in der Sowjetunion geraubt hatte. Anfang November 1943 wurde die SODFG - wie auch Valjavecs Südost-Institut - dem RSHA unterstellt, wo Krallert die Leitung der Gruppe VI G (wissenschaftlich-methodischer Forschungsdienst) im Amt VI (Auslandsnachrichtendienst) übernahm.

Die Gaustudentenführung bescheinigte Ronneberger am 25. Oktober 1944, zur ‘Akademischen Legion’ beim Höheren SS- und Polizei-Führer Wien zu gehören; der SD-Leitabschnitt Wien erklärte der für Ronneberger zuständigen Ortsgruppe des Volkssturmes am 4. Januar 1945, daß dieser „hauptamtlicher Angehöriger der hiesigen Dienststelle“ sei und daher „auf Grund der Verfügung des Reichsführers SS“ nicht erfaßt werden könne; das Befehlsblatt der Sicherheitspolizei und des SD gab am 20. Januar 1945 schließlich die Kommandierung Ronnebergers ins RSHA bekannt.

Im Rahmen seiner Tätigkeit für die Publikationsstelle Wien oblag Ronneberger weiterhin die Erstellung von Presseberichten und die „Erfassung von Personen und Institutionen“. Zu seinen Aufgaben gehörte außerdem die Vertretung Krallerts in Wien und die Organisation der Verlegung der Publikationsstelle in den 1938 von der SS beschlagnahmten Benediktinerstift im steiermärkischen St. Lambrecht, wo sich ein Außenlager des KZ Mauthausen befand. Zur Errichtung der in Anbetracht der immer näher rückenden Front gewählten „Ausweichstelle“ wurden im Februar 1944 zwanzig KZ-Häftlinge herangezogen, um Buchstellagen herzustellen und Bauarbeiten vorzunehmen. Im Kloster St. Lambrecht befanden sich bereits 200000 Bände „ungeordneter Russlandliteratur“; ferner war die Unterbringung des „Materials“ anderer Publikationsstellen und der in Minsk und Baranowitsch geraubten Bibliotheksbestände vorgesehen. Im Juni 1944 forderte Krallert vom Chef des SS-Wirtschafts-Verwaltungshauptamts, SS-Obergruppenführer Oswald Pohl, für seine Dienststelle in St. Lambrecht die „Abstellung von 4 Bibelforscherinnen für Reinigungszwecke“; im September standen ihm insgesamt acht KZ-Häftlinge „zur Verfügung“. Am 30. Mai 1945 wurde Ronneberger von Angehörigen der britischen Streitkräfte in St. Lambrecht verhaftet und später in Sandbostel bei Bremervörde interniert.


Teil 2 - Der Politik- und Kommunikationswissenschaftler

1964 erreichte Ronnebergers akademische Nachkriegskarriere ihren Höhepunkt; als „Gewährsmann“ des bayerischen Kultusministeriums sollte er an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Erlangen-Nürnberg „Platz für die Politikwissenschaft“ schaffen. Ronneberger übernahm die Leitung des 1948 wiederbegründeten und 1961 zum Ordinariat aufgewerteten Instituts für Publizistik (vormals Zeitungswissenschaft), das er in ‘Institut für Politik- und Kommunikationswissenschaft’ umbenannte. Wie seine berufliche Entwicklung bis hierhin verlief, soll im folgenden ebenso dargestellt werden wie sein wissenschaftliches Werk und sein gesellschaftspolitisches Engagement.

Entnazifizierung und Neubeginn

Die Entnazifizierung Ronnebergers übertrug die britische Besatzungsmacht dem Spruchgericht Stade, wo der Öffentliche Ankläger ab Mai 1947 wegen ‘Zugehörigkeit zu einer für verbrecherisch erklärten Organisation’ gegen ihn ermittelte. Daß bei diesen Ermittlungen, die sich um Ronnebergers Mitgliedschaft in der SS und seine Arbeit für den Wiener SD drehten, nicht allzuviel herauskommen sollte, zeigte bereits die am 10. August 1947 erhobene Anklage: Sie stützte sich ausschließlich auf Ronnebergers eigene Aussagen und die der von ihm benannten Zeugen Wolf Steuer und Hermann Gross. Seine schriftlichen Äußerungen aus der Zeit des Dritten Reichs standen nicht zur Diskussion - und das obwohl er selbst während des Prozesses auf einige seiner Publikationen verwies, freilich unter Auslassung seiner Artikel im ‘Völkischen Beobachter’. Ronneberger gelang es im Verlauf des Verfahrens, sich als unpolitischen, von einer „Arbeitspsychose“ befallenen Wissenschaftler darzustellen, der lediglich unter dem Druck der Verhältnisse einige Kompromisse mit dem NS-Regime eingegangen war. Obwohl er nach vorangegangenem Freispruch schließlich im Revisionsverfahren 1948 „wegen Zugehörigkeit zur SS in Kenntnis von deren Verbrechen“ zu einer Geldstrafe verurteilt wurde, galt er dem Gericht weiterhin als „ein lediglich [in] seinen Forschungen und wissenschaftlichen Arbeiten lebender Mann, der zwar mit der Politik vom wissenschaftlichen Sektor her betrachtet nicht unerheblich in Berührung gekommen ist, der sich jedoch mit ausserhalb seiner Forschungen liegenden Dingen nicht näher befasst hat.“

Das Jahr 1948 markiert den Beginn von Ronnebergers Nachkriegskarriere. Über „einen früheren Mitarbeiter“ kam er in Kontakt mit Erich Brost, dem Herausgeber und Chefredakteur der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (WAZ), wo er in den folgenden zehn Jahren als Leiter des Ressorts Dokumentation, Wissenschaftsredakteur, Kommentator und Ausbilder der Volontäre tätig sein sollte. Ab 1952 lehrte Ronneberger, der nach wie vor „wissenschaftlich ambitioniert“ war, außerdem Staatsrecht und Soziologie an der Verwaltungs- und Wirtschaftsakademie Industriebezirk in Bochum. Bei dieser Gelegenheit entstand die Idee zu seinem Buch ‘Die Soziologie’, das er 1958 unter dem Pseudonym Stefan Lambrecht veröffentlichte und das bis 1963 drei Auflagen erlebte. In diesem populärwissenschaftlichen Überblick über die Entstehung und Entwicklung der Soziologie ist Ronnebergers von antimarxistischen und antiliberalen Vorstellungen geprägtes politisches Denken skizziert; hier finden sich die verbindenden Elemente zwischen seinen im Dritten Reich vertretenen Auffassungen und seiner in späteren Jahren entworfenen PR-Theorie.

In Anlehnung an Helmut Schelsky sieht er die Aufgabe des Soziologen darin, den Menschen Verhaltensweisen zu empfehlen, die die Anpassung an die bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse erleichtern. Sozialkritik ist ihm ein Greuel; aus ihr erwüchsen „Umsturz-Ideologien“, die in erster Linie für die „Leidenszeit der Menschheit“ verantwortlich seien: „Die französische Revolution machte den Auftakt und die bolschewistische Revolution in Rußland war der bisherige Höhepunkt. Überall wo politische Utopien verwirklicht wurden, wo Staat und Gesellschaft auf einen vorgestellten idealen Endzustand hin umgebaut und geordnet werden sollten, mußten die Zeitgenossen unter Terror mit Blut und Tränen bezahlen.“ Den von liberaler Seite postulierten Gegensatz zwischen Staat und Gesellschaft erklärt Ronneberger in der „modernen Demokratie“ für obsolet, wofür das „Hineinwachsen der organisierten Arbeiterschaft in den Staat“ der Beleg sei. Staat und Gesellschaft erscheinen bei ihm als korporativistischer Block, in dem „stabile Meinungskollektivs“ für „Überschaubarkeit und Kontinuität“ sorgen. Vor diesem Hintergrund ist es für Ronneberger auch keineswegs „anstrebenswert, daß jeder möglichst seine eigene Meinung hervorbringe“. Meinungsbildung ist seiner Ansicht nach Aufgabe der gesellschaftlichen Eliten, deren Existenz nicht etwa Ausdruck bestehender Macht- und Herrschaftsverhältnisse ist, sondern Ergebnis eines Prozesses, bei dem „die einen tüchtiger als die anderen sind und ihre Chancen besser wahrnehmen“. Für die Eliten habe der Soziologe die Funktion eines Aufklärers und Beraters, denn nur „aufgrund einer möglichst umfassenden ... soziologischen und sozialpsychologischen Analyse lassen sich das Potential eines Landes und seine elementaren Interessen fixieren.“

1958 übernahm Ronneberger die Stelle des Referenten für Hochschulfragen und akademische Nachwuchsförderung beim Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft in Essen. Der Stifterverband (SV) war 1949 in Fortführung der ‘Fördergemeinschaft der Deutschen Industrie’ aus der Zeit des Dritten Reichs als gemeinnütziger eingetragener Verein gegründet worden und verstand sich als „Gemeinschaftsaktion der gewerblichen Wirtschaft zur Förderung von Forschung, Lehre und Bildung“. Die Spitzenverbände der deutschen Wirtschaft, wie der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI), die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) und der Deutsche Industrie- und Handelstag (DIHT) forderten ihre Mitgliedsunternehmen auf, den Stifterverband nach Kräften finanziell zu unterstützen, was sich bis 1960 in einem Spendenaufkommen von mehr als DM 100 Millionen niederschlug.

Neben der Förderung des akademischen Nachwuchses, die sich nicht an der sozialen Bedürftigkeit, sondern der „Höhe der Begabung“ potentieller Stipendiaten orientierte, war Ronneberger auch für die Öffentlichkeitsarbeit des Stifterverbandes mitverantwortlich. Deren Grundzüge beschrieb er 1960 in einer PR-Broschüre des Vereins wie folgt: „Die Öffentlichkeitsarbeit mußte ... von Anfang an darauf ausgerichtet werden, Dasein und Ziele des SV im Einklang mit dem Volks- und Staatsganzen und der Bewahrung der Kultur, in der wir leben und von der wir alle abhängig sind, verständlich zu machen. Es mußte der Öffentlichkeit nachgewiesen werden, daß, wenn die Wissenschaft oder auch nur einer ihrer Zweige in Gefahr, ebenso die Existenz jedes einzelnen bedroht ist, und zwar nicht nur im vordergründigen Sinne angewandter Naturwissenschaft in einer technisch gestützten Kultur, sondern in den Fundamenten. Darüber hinaus würde die Leistung der Volkswirtschaft rapid absinken und unser Land im mitleidlosen Daseinskampf der Nationen unterliegen.“ Dank der „Mitwirkung der Presse“ sei es schließlich gelungen, so konnte Ronneberger „mit großer Freude und Genugtuung“ feststellen, die Öffentlichkeit von der Notwendigkeit der Wissenschaftsförderung nach Art des Stifterverbandes zu überzeugen.

Der von Stifterverband und BDI unter Vorsitz von Hermann Reusch ins Leben gerufene ‘Gesprächskreis Wissenschaft und Wirtschaft’ stand Pate, als Ronneberger 1961 der Südosteuropa-Gesellschaft (SOG) seine ‘Vorschläge zur Einordnung der Südosteuropa-Forschung in die Aufbaupläne der deutschen Hochschulen’ unterbreitete. Da der „große Staatenblock des Ostens“, wie Reusch sich ausdrückte, „unentwegt“ der „vielseitigsten Aufmerksamkeit“ bedürfe, forderte Ronneberger in seiner Funktion als Mitglied des Wissenschaftlichen Beirates der Gesellschaft die Errichtung von Lehrstühlen für Südosteuropaforschung an westdeutschen Universitäten. Die SOG war 1952 - wie das Südost-Institut - von Fritz Valjavec in München wiederbegründet worden. Trotz formaler Distanzierungen von „Kulturträgerei“ und „Ostlandreiterei“ knüpfte man an die Tradition der deutschen ‘Südostforschung’ und die ihr von Ronneberger attestierten „beachtenswerten Ergebnisse“ aus der Zeit des Dritten Reichs an. Dies geschah unter Rückgriff auf NS-Personal und in enger Verbindung mit dem Bund der Vertriebenen (BdV), Vertretern des Staates und den an Südosteuropa interessierten Kreisen des deutschen Kapitals: Wenzel Jaksch, Vizepräsident des BdV und ab 1964 dessen Präsident war gleichzeitig Vizepräsident der SOG; im Kuratorium der Gesellschaft saßen hochrangige Beamte des Bundesarbeitsministeriums, des Bundeswirtschaftsministeriums, des Auswärtigen Amts und des bayerischen Kultusministeriums neben Vertretern deutscher Großbanken und Konzerne - alle Nachfolgegesellschaften der IG Farben waren hier repräsentiert; neben Valjavec und Ronneberger kam unter anderem auch Hermann Gross als Präsidiumsmitglied und Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats der SOG wieder zu Ehren. Ronnebergers Vorschläge zur Etablierung der Südosteuropaforschung an bundesdeutschen Hochschulen und die damit verbundene Lobbyarbeit der SOG führten dazu, daß Gross 1962 den neu geschaffenen Lehrstuhl für Wirtschaft und Gesellschaft Südosteuropas an der Universität München erhielt.

Zweite Habilitation

Um eine akademische Lehrbefugnis zu erhalten, mußte sich Ronneberger 1960 erneut habilitieren, da die Republik Österreich ihm im Rahmen der Entnazifizierung seine an der Hochschule für Welthandel erworbene Venia legendi aberkannt hatte. Das Verfahren fand an der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät der Universität Münster statt, wo man seine beiden Publikationen ‘Verwaltung im Ruhrgebiet als Integrationsproblem’ und ‘Staatsverfassungstendenzen der Südoststaaten seit 1945’ als Habilitationsschrift akzeptierte. Die zuerst genannte Abhandlung weist denselben normativ-funktionalistischen Ansatz auf, der auch den Dreh- und Angelpunkt seiner PR-Theorie bildet; der zuletzt genannte Aufsatz zeigt einmal mehr Ronnebergers völlige Distanzlosigkeit gegenüber der Geschichte der Südosteuropaforschung im Dritten Reich, die zu einem Großteil seine eigene Geschichte ist.

Ronneberger sieht Verwaltung als „sozial gestaltende Tat“ und damit als „Integrationsvorgang“, wobei er „Integration“ als „Ordnung“ der „Teile“ auf das „Ganze“ hin versteht: Die Verwaltung wolle „die sozialen Beziehungen von Menschen in einem engeren Kreise, dafür aber in der großen Mannigfaltigkeit ihrer Bedürfnisse ordnen, ausrichten und gestalten“, was mit Blick auf ein „wie auch immer definiertes Gemeinwohl“ hin zu geschehen habe. Als „überzeugendstes Beispiel einer integrierenden Verwaltung“ erscheint ihm die Westdeutsche Allgemeine Zeitung: „Die hohe Integrationsfunktion einer Tageszeitung innerhalb eines stabilen Verbreitungsgebietes steht außer Frage, doch dürfte es weniger die eigentliche innere Verwaltungstätigkeit der Zeitung oder die quasi-institutionelle Befriedigung des Informationsbedürfnisses der Bevölkerung sein, die diese Wirkung erzielen, als vielmehr das Wechselspiel von Gesellschafts- und Zeitungsstil in ihrer geschmackprägenden und vor allem in ihrer vereinheitlichenden Tendenz.“

Der zweite Bestandteil seiner Habilitationsschrift, den Ronneberger als einen ‘Beitrag zur Sozial- und Verfassungsstruktur von Entwicklungsländern’ verstanden wissen wollte, enthält Altbekanntes: Unter Rückgriff auf seinen in ‘Reich-Volksordnung-Lebensraum’ entwickelten ‘politischen Südosteuropabegriff’ und mit Hilfe seiner These vom Fehlen einer bürgerlichen Mittelschicht in den Ländern Südosteuropas erklärt er, daß sich die aus Westeuropa stammenden nationalen und liberalen Ideen vor 1945 in Südosteuropa nicht durchsetzen konnten. Statt dessen, so Ronneberger weiter, hätten „kleine pseudobürgerliche Cliquen“ den jeweiligen Staatsapparat in Besitz genommen. Ersetzt man die ‘kleinen pseudobürgerlichen Cliquen’ durch das ‘Judentum’, ist man wieder bei Ronnebergers Analysen zur Sozial- und Verfassungsstruktur der südosteuropäischen Staaten aus der Zeit des Dritten Reichs angelangt.

Von 1960 bis 1964 wirkte Ronneberger als Privatdozent für Verfassungs- und Verwaltungslehre an der Universität Münster und bekleidete gleichzeitig den Posten eines ordentlichen Professors für Soziologie und Sozialpädagogik an der Pädagogischen Hochschule Bielefeld. Seine erziehungswissenschaftlichen Äußerungen stellen - wie seine PR-Theorie - die Synthese dar zwischen seinem im Dritten Reich entwickelten antidemokratischen und antiemanzipatorischen Politikverständnis und seinem normativ-funktionalistischen Forschungsansatz als Soziologe. Erziehung gilt Ronneberger wie auch Verwaltung als soziale Tat und bedeute „Erziehung des Kindes zur Einpassung“ in die gegebenen sozialen Verhältnisse, was notfalls mit entsprechender „Härte“ erzwungen werden müsse: „Man kann sich über die Prügelstrafe streiten. Ich weiß zwar nicht, wie Eltern mit einem willensstarken, robusten und vitalen Jungen fertig werden wollen, ohne ihn gelegentlich übers Knie zu legen. Aber ich wäre der letzte, der ihnen den Glückwunsch versagt, wenn sie es dennoch schaffen, ohne damit allerdings der Gesellschaft einen Raufbold, Einzelgänger und Asozialen zu schenken.“

Kommunikationspolitik

In Nürnberg entwickelte Ronneberger den Begriff der „Kommunikationspolitik“, die er in Anlehnung an Otto B. Roegele definiert als „all jene Handlungen, die zur Erhaltung der Funktionstüchtigkeit der von der Verfassung gewollten Kommunikationsordnung in einem Lande dienen“. Kommunikationspolitik sei sowohl in der „Staatssphäre“ als auch im „gesellschaftlichen Raum“ anzutreffen und werde außer von den „klassischen Staatsorganen“ von den „politischen Parteien“, den „großen Interessengruppen“, den „großen Unternehmen von öffentlicher Bedeutung“ und den „Massenkommunikationsmitteln“ betrieben - eine Feststellung, die Ronneberger einmal mehr als Beleg für seine These dient, daß „die gedanklich vereinfachte Konstruktion des liberalen Prinzips ... der Gegenüberstellung von ‘Staat’ und ‘Gesellschaft’“ der „wechselseitigen Durchdringung der beiden Gebilde“ gewichen sei.

Ronneberger, der sich der „funktional-strukturellen Systemtheorie Niklas Luhmanns“ verpflichtet sieht, weist den Massenmedien in diesem Zusammenhang vier „Funktionen“ zu, die diese für das „politische System“ resp. die „politische Ordnung der Parteien- und pluralistischen Verbandsdemokratie“ zu erbringen hätten:

Die Massenmedien hätten eine „Funktion des Öffentlichmachens“ von Informationen zur „Anregung der Leitenden und Führenden in Staat, Wirtschaft und Gesellschaft“: „Indem Journalisten diese Informationen sammeln und vermitteln, informieren sie das politische System tatsächlich über Veränderungen in der Umwelt und nehmen somit eine Funktion wahr, die in dieser Weise von keinem anderen System geleistet werden kann. Weder Parteien und Interessenverbände noch Geheimdienste sind so umfassend auf die Weiterleitung von kontroversen Informationen programmiert.“

Die Massenmedien seien ein wichtiger „Integrationsfaktor“: „Indem sie [die Presse - P.H.] die Auffassung der politisch Führenden verbreitet und dazu Stellung nimmt, macht sie das gesellschaftliche oder nationale Gesamtinteresse über den Einzelinteressen immer wieder bewußt ... Es geht darum, die ... Bereitschaft der Identifizierung des Menschen mit primären sozialen Gruppen ... nun auf die größeren und komplexeren sogenannten sekundären Gebilde zu übertragen, also auf die Nation, auf die Gesamtheit, auf den Staat.“

Die Massenmedien hätten eine „Bildungs- und Erziehungsfunktion“: „Bildung wäre hier als die Fähigkeit zu definieren, Informationen aufzunehmen und zusammenhängend zu verstehen, wobei der herkömmliche Anspruch, sich eine eigene Meinung zu bilden, nicht als Norm, sondern als Optimum des politischen Gebildet-Seins aufzufassen wäre. Vom politisch Gebildeten der modernen pluralistischen Systeme kann im Durchschnitt nicht mehr verlangt werden als die Zustimmung zu vorgeformten Meinungen.“

Die Massenmedien hätten außerdem eine „Kontrollfunktion“, wobei der Begriff der Kontrolle eine Neudefinition erfährt: „Die moderne Kontrolle beruht ... weniger auf einem Gegnerschaftsverhältnis, als auf dem Prinzip der Systemimmanenz; wir haben es mit einer Art Selbstkontrolle eines gesellschaftlich-staatlichen pluralistischen Gesamtsystems zu tun. Die Massenkommunikation ... leiht ihre Medien den Inter- und Intraorgankontrollbedürfnissen der am staatlichen und öffentlichen Prozeß Beteiligten.“

Werden den Massenmedien bestimmte Funktionen zugewiesen und damit gewisse „Leistungen“ abverlangt, muß auch die Möglichkeit der „Fehlleistung“ einkalkuliert werden. Lobte Ronneberger noch 1978 die „Disziplin, die die deutschen Journalisten ... anläßlich der Entführung von Hanns Martin Schleyer ... übten“, warnte er bei seiner Abschiedsvorlesung 1983 vor einem „defizienten Modus des kritischen Journalismus aus der Kampfzeit des Liberalismus“ und forderte den „verantwortlichen Journalisten (als) das Gebot der Stunde“: „Aufspüren und publizieren des jeweils Neuesten, gleichviel welche Folgen es haben wird ... führt zwangsläufig zur Verschärfung von Gegensätzen und zur Erschwerung, wenn nicht gar zur Unterbindung von diskreter Politik.“ Die Parallelen zu seiner Analyse der Rolle der jugoslawischen Presse während des ‘Belgrader Putsches’ 1941 liegen auf der Hand; seinerzeit hatte er die Massenmedien als ein ‘Instrument’ der politischen Elite beschrieben, dem ‘zerstörende Möglichkeiten’ innewohnten, wenn es von ‘verantwortungslosen, unmoralischen, sensationslüsternen, nur dem Geschäft verfallenen Menschen’ mißbraucht werde.

PR-Forschung

Ronnebergers erster Essay zum Thema Public Relations, der in der Fachwelt mit großem Interesse aufgenommen wurde und bereits alle wesentlichen Elemente seiner späteren PR-Theorie enthält, erschien 1977 und trägt den Titel ‘Legitimation durch Information’. Unter Berufung auf den US-amerikanischen PR-Pionier Edward L. Bernays, Carl Hundhausen und Albert Oeckl beschreibt Ronneberger PR als eine „Funktion des gesellschaftlichen Systems“, deren Legitimation darin bestehe, durch das Zur-Verfügung-Stellen von Informationen „Leistungen“ zu erbringen, „die für die Existenz einer Gesellschaft um so notwendiger und unerläßlicher sind, je mehr sie sich differenziert“. Damit leiste PR einen Beitrag zur „Integration in modernen Gesellschaften“ und verhindere deren „Auseinanderfallen“. Der in diesen Gesellschaften vorherrschende Meinungs- und Interessenpluralismus müsse zwangsläufig „zum Chaos, zu beliebigen Machtrivalitäten, Siegen und Niederlagen ohne Beständigkeit und Kontinuität, zum ständigen Wechsel der Machtverhältnisse, zu allgemeiner Unsicherheit und Willkür führen, wenn nicht zweierlei gewährleistet wäre: daß sich die Auseinandersetzungen dank PR öffentlich vollziehen und daß die rivalisierenden Gruppen einander nicht vernichten, sondern miteinander leben wollen“, was gleichfalls durch PR verbürgt werde.

Angesichts der „zunehemenden Bedeutung der Interessenorganisationen“ fasziniert Ronneberger in diesem Zusammenhang „der Gedanke, der den Korporationstheorien zugrunde liegt, man könne auf den herkömmlichen Parteienparlamentarismus verzichten und ihn durch einen modernen Ständeparlamentarismus ersetzen“. Er verwirft ihn nur deshalb, weil „ohne die Integrationsleistung der Parteien ein breiter und vor allem dauerhafter Konsens nicht zu erreichen ist“. Daran, „daß es in unserer Gesamtgesellschaft jeweils zu einem Minimalkonsens kommt“, wirke der „PR-Treibende“ maßgeblich mit, wenn er beispielsweise im Rahmen der „PR von Unternehmen der Wirtschaft“ die „Verantwortung des Wirtschaftssystems insgesamt für die Erhaltung und Weiterentwicklung der Gesellschaft“ betone. PR wird bei Ronneberger zu einem „konstitutiven Faktor“ für „demokratisch verfaßte politische Systeme“ und absorbiert die ursprünglich den Massenmedien zugeschriebenen Funktionen, insbesondere die Informations- und die Integrationsfunktion. „In bezug auf die organisierten Interessen verhalten sich die Medien vorwiegend rezeptiv und im strengen Sinne vermittelnd“ postuliert Ronneberger und setzt sich damit dem Vorwurf aus, Journalisten kurzerhand zu ‘Erfüllungsgehilfen’ der PR-Auftraggeber und -Macher zu degradieren. PR, so Ronneberger in ‘Public Relations des politischen Systems’, diene aber nicht nur der Herstellung eines gesellschaftlichen Minimalkonsenses, sondern fungiere gleichzeitig als „Frühwarnsystem“, das „die politische Führung über Ereignisse und Tendenzen des öffentlichen Lebens sowie über den Wandel von Ansichten, Einstellungen und Erwartungen der Bürger informiert“ und sich darauf aufbauend „eines neuaufkommenden Themas bemächtigt und der öffentlichen Meinung keine Zeit läßt, sich stereotyp zu verfestigen“.

Daß in der Bundesrepublik Deutschland überhaupt die Möglichkeit bestehe, einen gesellschaftlichen Minimalkonsens zu erreichen, sei durch die korporativistische Verfaßtheit oder die „Verbandsstruktur“ der Gesellschaft sichergestellt, weil diese den „Rückfall in die Klassengesellschaft“ und damit den Klassenkampf verhindere. Laut Ronneberger übernehmen Verbände und gesellschaftliche Organisationen eine „Disziplinierungsfunktion“ gegenüber ihren Mitgliedern, indem sie diese auf die Idee des Interessenausgleichs verpflichten, was im Falle der Gewerkschaften mit dem Bekenntnis zur Sozialpartnerschaft gleichgesetzt werden kann. Da Verbände und gesellschaftliche Organisationen außerdem „dem einzelnen Menschen einen bestimmten und möglichst festen Platz im Ganzen zuweisen, damit er weiß, wohin er gehört“, könne man sie auch als quasi-staatliche „Ordnungsträger“ betrachten. Das „soziale Vertrauen“ der Menschen, auf dessen Grundlage gesellschaftlicher Konsens überhaupt erst zustande kommen könne, sei jedoch permanent in Gefahr, durch „öffentliche Demokratiekritik“, „Wertekritik“ und „Tabuzertrümmerung“ zerstört zu werden, weil „insbesondere Journalisten mit sozialrevolutionären Aktionen ... sympathisieren“. Dieser Bedrohung gegenüber seien vor allem die „führenden Kräfte der Wirtschaft“ im Nachteil, da sie die „Katastrophe des Nationalsozialismus“ nachhaltig verunsichert habe und sie sich daher „ungern öffentlich zu ihrem Standort und Standpunkt bekennen“. Auf PR komme in diesem Zusammenhang eine gewaltige Aufgabe zu: „Public Relations reichen ... weit über die Interessen einzelner Organisationen hinaus, sie werden zu einem eigenen Handlungssystem, das die Überlebensfähigkeit der Menschheit zum Ziel hat.“

Nach diesen in den siebziger und achtziger Jahren geleisteten Vorarbeiten legte Ronneberger 1992 schließlich die gemeinsam mit seinem Schüler Manfred Rühl verfaßte ‘Theorie der Public Relations’ vor, die als Quintessenz seiner systemtheoretischen Überlegungen zu PR gewertet werden kann: Im Verlauf der Industrialisierung, „die neue Organisationsformen (Fabrik- und Unternehmenssysteme) ausbildete sowie erhebliche soziale Auswirkungen (‘die soziale Frage’) nach sich zog“ und in Verbindung mit den damit einhergehenden „Prozessen der Demokratisierung“ habe sich PR als eigenständiges Kommunikationssystem entwickelt, wobei die genannten ‘Demokratisierungsprozesse’ allerdings „in Deutschland sehr hindernisreich verliefen“. Die Autoren interessieren sich jedoch nicht für „’das Wesen’ von Public Relations oder ‘Wesensähnlichkeiten’ zu Werbung oder Propaganda“, sondern ausschließlich für die „spezifische (gesellschaftliche) Funktion, die Public Relations ... zugeordnet werden kann“. Diese wird von ihnen folgendermaßen definiert: „Die besondere gesellschaftliche Wirkungsabsicht von Public Relations ist es, ... öffentliche Interessen (Gemeinwohl) und das soziale Vertrauen der Öffentlichkeit zu stärken - zumindest das Auseinanderdriften von Partikularinteressen zu steuern und das Entstehen von Mißtrauen zu verhindern.“

Gesellschaftspolitisches Engagement

In Verbindung mit der Südosteuropa-Gesellschaft beschäftigte sich Ronneberger, der „Politikwissenschaft als praktische Wissenschaft“ verstanden wissen wollte, auch mit tagespolitischen Fragen. So übernahm er die Leitung von Symposien zur Ausländerpolitik, die in den siebziger und achtziger Jahren von der SOG zusammen mit verschiedenen Bundesministerien und Landesregierungen veranstaltet wurden. Um nach „schweren Volkstumskämpfen“ dem „Schicksal eines Immigrationslandes“ zu entgehen, forderte er bei diesen Gelegenheiten eine „restriktive Behandlung des Nachzugs“ von Familienangehörigen ausländischer Arbeitnehmer.

Ronnebergers wissenschaftliche und politische Ambitionen schlugen sich in einer großen Zahl von Mitgliedschaften in wissenschaftlichen Vereinigungen und gesellschaftlichen Gremien nieder, zu denen Einrichtungen der Osteuropaforschung genauso zählten wie die Reformkommission des Deutschen Beamtenbundes. In der Hauptsache betätigte sich Ronneberger jedoch als ‘Kommunikationspolitiker’. 1978 gehörte er unter anderem der Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft an, der er von 1966 bis 1969 vorgestanden hatte und in deren Auftrag er die Zeitschrift ‘Publizistik’ herausgab; er war Mitglied der Deutschen Public Relations Gesellschaft (DPRG), der International Public Relations Association (IPRA), des Fernsehrats des ZDF, des Kuratoriums der Stiftervereinigung der Presse, der Jury des Gruner+Jahr-Preises für Mediaforschung und der Jury des von der Akademie für Publizistik in Hamburg verliehenen Akademie-Preises für Wirtschaftsjournalisten.

Zum letzten Mal meldete sich Ronneberger 1991 politisch zu Wort, als er seine Tagebuchaufzeichnungen über den Untergang der DDR und die Vereinigung der beiden deutschen Staaten veröffentlichte. Ronneberger verleiht hier seiner tiefen „Genugtuung“ über die „Wiedervereinigung“ Ausdruck, da diese ihm „als historische Gerechtigkeit erscheint“ und seinem „elementaren Bedürfnis nach Heilung von Teilen oder Bruchstücken zu einem Ganzen entspricht“. Es sei jetzt „kein Unglück“, wenn die rechtsradikale Partei der ‘Republikaner’ bei Wahlen die Fünf-Prozent-Hürde überspringe, vielmehr müsse alles getan werden, „um die führenden SED-Mitglieder in der Schule, in den Betrieben, im Stadtrat usw. zu eliminieren“. Außenpolitisch wendet Ronneberger seinen Blick einmal mehr gen Osten und Südosten. Seiner Ansicht nach kann jetzt endlich das umgesetzt werden, „was wir im nationalen Interesse für nötig halten“, womit er in erster Linie die Revision der Oder-Neiße-Grenze meint: Daß deren Weiterbestehen Ende 1990 durch einen bilateralen Vertrag zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Polen gesichert wurde, ist für Ronneberger Ergebnis einer „polnischen Erpressung“; den Grenzvertrag selbst bezeichnet er als „Raubvertrag“. Mit Blick auf die politische Krise in Jugoslawien notiert Ronneberger am 22. Oktober 1990: „Das eigentliche Problem stellt sich als die Auswirkung des Geburtsfehlers des jugoslawischen Staates dar. Trotz aller ... internationalen Propaganda scheint sich das staatliche Zusammenleben von so unterschiedlichen Völkern und Regionen nicht organisieren zu lassen.“ Am 13. Juli 1991 benennt er den Grund dafür: „Was Föderalismus bedeutet, wissen die Serben nicht und können es auch nicht verstehen.“


Fazit

Ronnebergers zentrale wissenschaftliche Kategorie ist die der ‘Integration’. Meinte er damit in der Zeit des Dritten Reichs die Einordnung der südosteuropäischen Staaten und ihrer Bevölkerung in den von Deutschland konstruierten politisch-ökonomischen ‘Großraum’, so verstand er darunter nach 1945 die Einordnung des Menschen in die Gesellschaft der Bundesrepublik. Sein Erkenntnisinteresse bezog sich ausschließlich auf die Funktionalität politischer Maßnahmen für die Integration und war von dem Wunsch geprägt, gesellschaftliche Prozesse zu steuern und zu regeln. Dies ließ ihn zum Anhänger der Systemtheorie werden und korrespondiert mit seiner Konzeption einer kapitalistisch verfaßten und korporativistisch formierten Gesellschaft, in der der Pluralismus als Bedrohung für die Existenz des Kapitalismus und die Herrschaft der gesellschaftlichen Eliten erscheint. Als Kommunikationswissenschaftler befaßte sich Ronneberger mit den Massenmedien als Mittel der Integration. Bereits im Dritten Reich hatte er die Vorstellung entwickelt, daß die Massenmedien die Information und Beratung der politischen Elite gewährleisten und dieser als Propagandainstrument dienen sollten. Dem entsprach auch seine eigene Praxis als Informant, Presseanalytiker und Propagandist des NS-Regimes. In der Bundesrepublik übernahm dann PR diese ursprünglich den Medien zugedachten ‘Funktionen’, da nur dem Meinungspluralismus und der Pressefreiheit verpflichtete Journalisten als potentielle Bedrohung für den Bestand der restaurierten Gesellschaftsordnung wahrgenommen wurden. Ronnebergers politisches Denken muß letztlich als autoritär, affirmativ, antiemanzipatorisch und antidemokratisch charakterisiert werden; es sah immer auch die Elimination derjenigen vor, die nicht integriert werden sollten (Juden) oder sich der Integration widersetzten (Kommunisten). Völkische Auffassungen traten bei Ronneberger nach 1945 zwar in den Hintergrund, waren jedoch stets virulent, wie seine Äußerungen zur ‘Ausländerpolitik’ und zu Jugoslawien zeigen.

Veröffentlicht in: Wolfgang Duchkowitsch et al. (Hg.), Die Spirale des Schweigens. Zum Umgang mit der nationalsozialistischen Zeitungswissenschaft, Kommunikation.Zeit.Raum 1, Münster 2004, S. 193-217.

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