Dr. phil. Peer Heinelt

Imageproblem Hunzinger

Die PR-Branche, darin sind sich die Analysten einig, ist ein Wachstumsmarkt. Gab es Anfang der siebziger Jahre gerade einmal 40 PR-Agenturen in der Bundesrepublik Deutschland, sind es heute etwa 1100. Sie setzen jährlich weit mehr als eine halbe Milliarde Euro um und beschäftigen 20000 Mitarbeiter. Jürgen Pitzer, der dem Berufsverband der Beziehungsmakler und Imagekonstrukteure vorsteht, müßte also eigentlich bester Stimmung sein, hätte er nicht selbst mit einem Imageproblem zu kämpfen. Der Präsident der Deutschen Public Relations Gesellschaft (DPRG) ist dieser Tage auf allen Medienkanälen bemüht, sich von seinem Kollegen Moritz Hunzinger zu distanzieren. Zwar sei der durch diesen ausgelöste Skandal um Verteidigungsminister Scharping „durchaus nicht nur negativ“ zu bewerten, habe er doch eine „erhöhte Aufmerksamkeit für PR“ mit sich gebracht; dafür sehe sich die Branche jetzt mit dem Vorwurf der „verdeckten Beeinflussung“ konfrontiert. Ein ehrenhafter PR-Berater hingegen, der nicht wie Hunzinger „unter falscher Flagge“ segele, wolle, so der DPRG-Präsident, „Argumente der Öffentlichkeit oder einer Teilöffentlichkeit näher bringen“.

Nichts anderes aber hat Moritz Hunzinger getan. Nach der Bundestagswahl 1998 führte er seine Auftraggeber aus der Rüstungsindustrie mit sozialdemokratischen und grünen Spitzenpolitikern zusammen, um ersteren die Möglichkeit zu geben, letzteren zu erklären, daß Krieg und Waffenhandel gut für den Standort Deutschland sind. Die in diesem Zusammenhang vorgebrachten Argumente kamen bei der ausgewählten Teilöffentlichkeit gut an, wie die deutsche Militärpräsenz in aller Welt und der Aufschwung des deutschen Rüstungsexports eindrucksvoll belegen. Auch daß Hunzinger die neue Regierungsmannschaft für ihre Einsichtsfähigkeit mit Spenden, Honoraren, einem Kredit oder einer persönlichen Imageberatung bedachte, gehört zur Beziehungspflege. Nur dürfe, meint Andreas Fritzenkötter, einst PR-Berater Helmut Kohls, heute beim Bauer-Verlag, dabei nicht der Eindruck entstehen, „daß Politiker gesteuert werden - allenfalls ein bißchen gelenkt“.

Womit wir beim Kern des Problems wären. Das besteht nämlich nicht darin, daß Hunzinger etwas getan hat, was in der Branche als unüblich oder gar anstößig gilt, sondern darin, daß er sich dabei zu blöde angestellt hat. Seine Vorgehensweise sei „plump“ gewesen, kritisiert Jörg Schindler in der ‘Frankfurter Rundschau’ vom 25. Juli, denn er habe es nicht verstanden, „zu verhindern, daß seine Geschäfte publik wurden“. Öffentlichkeitsarbeit, wie PR auch genannt wird, dient der Beeinflussung der Öffentlichkeit; die zu diesem Zweck angewandten Methoden aber haben in der öffentlichen Diskussion nichts zu suchen. Wer gegen dieses Prinzip verstößt, dem droht die Exkommunikation: „Hunzinger ist nicht das schwarze Schaf der Branche“, sagt Bodo Bimböse, Frankfurter Filialleiter der PR-Agentur ‘Trimedia Communications’, „er ist nicht mal ein Schaf“.

Auf welch tönernen Füßen die von der DPRG angemahnte „Ethik der PR“ steht, wird vor diesem Hintergrund sehr schnell deutlich. Die von Pitzer ausgegebene Handlungsmaxime für den PR-Berater lautet: „Was man nicht kommunizieren kann, darf man nicht tun!“ Das heißt umgekehrt, daß man alles tun darf, so lange man es nur kommunizieren kann. Der viel gescholtene Verteidigungsminister Scharping hat sich zu Beginn des Überfalls auf Jugoslawien 1999 genau daran gehalten. Er wußte, daß Geheimdienstkonstrukte wie „Hufeisenplan“ und „Serben-KZs“ nur dann die Kriegsbereitschaft der deutschen Bevölkerung fördern, wenn es gelingt, sie der Medienöffentlichkeit als glaubwürdig zu vermitteln. Ob Moritz Hunziger ihm vor seinen wortgewaltigen und emotionsgeladenen Pressekonferenzen wohl auch beratend zur Seite gestanden hat?

Veröffentlicht in: Sozialistische Zeitung (SoZ), 17. Jg., Nr. 9, 2002, S. 4.

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