Dr. phil. Peer Heinelt

PR als Dienst an der „Volksgemeinschaft”
Biographische Untersuchungen zur Geschichte einer Kommunikationsdisziplin

Public Relations in Deutschland

„Genaugenommen ist Castor nur ein anderes Wort für Vertrauen.“, läßt uns die Atomindu­strie in großformatigen Anzeigen wissen. Wie das zu verstehen ist, erklärt der „Informationskreis Kernenergie“ mit Sitz in Bonn anschließend kurz und prägnant: „Streit gehört zur Demokratie. Auch und gerade, wenn es um die Kernenergie geht. Doch zum Glück gibt es einige Dinge, auf die wir auch in Zukunft vertrauen können. Zum Beispiel das Recht, friedlich zu demonstrieren. Oder deutlich seine Meinung zu sagen. Und nicht zuletzt die Sicherheit der Castor-Behälter.“

Hier liegt keine klassische Werbung vor; niemand wird aufgefordert, ein bestimmtes Produkt zu kaufen oder eine bestimmte Dienstleistung in Anspruch zu nehmen - im Gegenteil: Es wird für ein immaterielles Gut bzw. einen psychischen Zustand geworben; das Vertrauen in etwas oder zu jemandem, wobei es sich in diesem Fall um das Vertrauen der bundesrepublikanischen Öffentlichkeit in die Leistungen der Atomindustrie (Castor) und ihr Vertrauen auf die Sicherung der Grundrechte durch den bürgerlich-demokratischen Staat handelt.

En passant haben wir soeben eine klassische PR-Definition behandelt: Public Relations als Werbung um Vertrauen. Ein ständig wachsender Wirtschaftszweig beschäftigt sich mit nichts anderem als damit, der Öffentlichkeit auf publizistischem Wege Vertrauen in die Politik von Konzernen und staatlichen oder halbstaatlichen Institutionen einzuimpfen. Offensichtlich mit Erfolg; das Vertrauen der Auftraggeber in die Wirksamkeit von Public Relations ist so groß, daß mittlerweile eine Frankfurter PR-Agentur den Gang an die Börse wagen konnte.

Besonders Konzerne und staatliche Institutionen, die durch ihre Entscheidungen die Lebens­bedingungen einer Vielzahl von Menschen beeinflussen, dürfen nicht dem Zufall überlassen, was über sie gedacht wird. Skandale sind schlecht für ‘s Image und damit schlecht für ‘s Geschäft; sie haben unter Umständen Umsatzeinbußen, Akzeptanzverluste oder die Vermin­derung der Wahlchancen zur Folge. Umgekehrt kann ein gezielt aufgebautes Positivimage, das den Auftraggeber beispielsweise als großzügigen Kultur- oder Naturschutz-Förderer erscheinen läßt, die Menschen vergessen lassen, daß sie in Wirklichkeit den Protagonisten von Arbeitsplatzvernichtung und Umweltzerstörung gegenüberstehen. Also muß die Öffentlichkeit in Form von Zeitungslesern, Radiohörern und Fernsehzuschauern entsprechend der Interessen der Auftraggeber bearbeitet werden; für PR-Leute hat sich daher auch der Begriff „Öffentlichkeitsarbeiter“ eingebürgert.

Parallel zum Wachstum der PR-Branche wächst auch die Bedeutung dieser Öffentlichkeits­arbeiter für die Medien. Ohne die Produktinformationen der Hersteller bzw. Anbieter wären die meisten sog. Fachjournalisten, wie sie z. B. bei Motor-, Reise- oder Computerzeitschriften anzutreffen sind, rettungslos verloren. Zum einen wüßten sie gar nicht, welche Neuheiten auf den jeweiligen Märkten anzutreffen sind, zum anderen fehlen ihnen oftmals die nötige Fachkompetenz oder die zeitlichen und finanziellen Möglichkeiten, um eigenständige Recherchen anzustellen.

Da auch die Medien nach dem kapitalistischen Prinzip einer möglichst hohen Ausnutzung menschlicher Arbeitskraft bei möglichst geringen Kosten arbeiten, engagieren sie in steigendem Maße sog. Freie. Im Gegensatz zu ihren festangestellten Kollegen haben diese für ihren Arbeitgeber den Vorteil, daß für sie keinerlei Sozialabgaben abzuführen sind. Ein freier Journalist arbeitet in der Regel für mehrere Printmedien oder Rundfunksender und wird oftmals nicht nach seinem tatsächlichen Arbeitsaufwand bezahlt, sondern nach Zeilenzahl oder Sendezeit. Was kann es für einen derart unter ökonomischem Druck Stehenden Schöneres ge­ben, als von der Pressestelle eines Unternehmens oder einer PR-Agentur einen Beitrag zu erhalten, der mit geringfügigen Änderungen oder Zusatzinformationen versehen als eigener verkauft werden kann? Weil das Geld trotzdem oft nicht reicht, verdingt sich mancher freie Journalist zusätzlich als PR-Referent für potente Kunden.

Die beschriebene Verlagerung redaktioneller Tätigkeiten auf freie Journalisten sorgt mitnichten für eine Entlastung der Redakteure, sondern führt zur Verringerung der personellen Kapazitäten in den Redaktionen, was wiederum eine völlige Überlastung der verbliebenen Redakteure zur Folge hat. In der Konsequenz behelfen sich diese nun ihrerseits mit der Veröffentlichung von PR-Meldungen. Für die PR-Strategen ist das natürlich ein gefundenes Fressen; sie pflegen die Kontakte zu „ihren“ Journalisten und verbessern permanent ihre inhaltlichen und redaktionellen Serviceleistungen. Journalismus ohne PR ist heute nicht mehr denkbar; führende PR-Leute werden daher auch nicht müde, ständig zu wiederholen, daß PR und Journalismus sich gegenseitig „brauchen“.

Unversehens sind wir bei einer zweiten PR-Definition angelangt: Public Relations als Pflege öffentlicher Beziehungen. Hierunter fallen nicht nur die angesprochenen Kontakte zu Journalisten, die als Übermittler der jeweiligen PR-Botschaft gebraucht werden, sondern auch die Verbindungen zu all denjenigen, die für die Perpetuierung der Interessen der Auftraggeber von Nutzen sind. Geschäftsfreunde und politische Entscheidungsträger - im PR-Jargon als „relevante Teilöffentlichkeiten“ bezeichnet - werden besonders umworben; Messen, Empfänge oder politische Salons geben den passenden Rahmen dafür ab. Krisenhafte Entwicklungen, die die Durchsetzung der jeweiligen kommerziellen oder staatlichen Interessen bedrohen könnten, sind nach der Logik dieser PR-Definition lediglich auf Kommunikationsstörungen zurückzuführen. Antagonistische Widersprüche, wie etwa die zwischen Atomlobby und Kernkraftgegnern, werden entgegen der Realität von Knüppelorgien, Demonstrationsverboten und gezielter Desinformation als fairer Meinungsstreit inszeniert. Allen PR-Machern ist eines gemeinsam: Sie sind zutiefst vom Geist des Korporativismus beseelt.

Seine perfekte Ausprägung erfuhr der Korporativismus in Deutschland während des NS-Faschismus. Die Gewerkschaftsbewegung wurde zerschlagen und die Arbeiterklasse zwangsweise in der Deutschen Arbeitsfront (DAF) erfaßt. Aus der Belegschaft eines Betriebes wurde die „Gefolgschaft“; aus der Geschäftsleitung bzw. dem Management wurden „Betriebsführer“. Antagonistische Widersprüche in Gestalt der Auseinandersetzung zwischen Kapital und Arbeiterklasse erklärten die Nationalsozialisten für nicht mehr existent; fortan galt es für den Unternehmer und seine Gefolgschaft als das Höchste, gemäß der NSDAP-Parole „Gemeinnutz geht vor Eigennutz“ der „Volksgemeinschaft“ zu dienen. An den ökonomischen Macht- und damit Herrschaftsverhältnissen änderte sich nichts.

Die deutsche PR-Theorie hat das faschistische Konstrukt der „Volksgemeinschaft“ denn auch prompt verarbeitet. Nur spricht man nicht von „Volksgemeinschaft“, sondern vom „Gemeinwohl“, auf das PR als spezifische Form der Kommunikation hinzuwirken habe. So definieren Franz Ronneberger und Manfred Rühl unter dem Stichwort „Macro-PR“ das Verhältnis von Public Relations und Gesellschaft folgendermaßen: „Die besondere gesellschaftliche Wirkungsabsicht von Public Relations ist es, ... öffentliche Interessen (Gemeinwohl) und das soziale Vertrauen der Öffentlichkeit zu stärken - zumindest das Auseinanderdriften von Partikularinteressen zu steuern und das Entstehen von Mißtrauen zu verhindern.“ Ähnliche Aussagen finden sich bei Albert Oeckl. Er versteht unter Öffentlichkeitsarbeit „das bewußt geplante und dauerhafte Bemühen, gegenseitiges Vertrauen in der Öffentlichkeit aufzubauen und zu pflegen“, wobei das Ziel von PR im „Einfügen des Eigeninteresses in das Gesamtinteresse im Rahmen des Möglichen“ bestehe.

An dieser Stelle kommt natürlich sofort der Einwand, daß Meinungsbildung doch ein demokratisches Prinzip und die Freiheit der Medien garantiert sei, PR folglich als legitime Meinungsäußerung und Einflußnahme auf die Öffentlichkeit verstanden werden müsse. Die genannten PR-Theoretiker gehen sogar noch einen Schritt weiter; für sie ist Public Relations eine conditio sine qua non für „pluralistische Gesellschaften“.

Die beschriebene Argumentation verkennt zum einen, daß es sehr viel Zeit und Energie erfordert, sich wirklich eine Meinung über ein bestimmtes Thema zu „bilden“. Die meisten Menschen haben aufgrund ihrer ökonomischen Lebenssituation weder das eine noch das andere; sie nehmen mehr oder weniger oberflächlich das auf, was die Medien ihnen bieten. Mit Demokratie hat das nichts zu tun; in den Worten Marcuses: „... das demokratische Argument schließt eine notwendige Bedingung ein...: daß das Volk fähig sein muß, auf der Basis von Erkenntnis zu erwägen und auszuwählen, daß ihm wahrhafte Information zugänglich sein muß und deren Bewertung autonomem Denken entspringen muß.“

Die Argumentation verkennt zum zweiten, daß es auch mit der viel beschworenen Freiheit der Medien nicht weit her ist. Man muß nicht Paul Sethe zitieren, um zu untermauern, daß die Medien sich in der Hand einiger weniger mächtiger Konzerne befinden, die selbstverständlich gemäß ihren Interessen Einfluß auf die öffentliche Meinung nehmen.

Und die genannte Argumentation verkennt zum dritten, daß PR fast immer auf der Grundlage der ökonomischen Macht und des gesellschaftlichen Einflusses des Auftraggebers stattfindet, es sich also um eine Meinungsäußerung handelt, die gegenüber den Medien eine größere Relevanz als andere für sich beansprucht. Die bereits angesprochene ökonomische Realität der Medien sorgt denn auch dafür, daß diese PR-Meldungen gemäß der beanspruchten Relevanz beurteilt und kommuniziert werden - in vielen Fällen sind die PR-Auftraggeber zugleich Werbekunden.

Die PR-Theorie negiert diese Tatsachen; unter Bezug auf die - ursprünglich als kontrafaktisch konzipierte - Habermassche „Theorie der kommunikativen Kompetenz“ wird PR zu einer herrschaftsfreien, dialogischen Form der Kommunikation hochgejubelt, die - gesamtgesellschaftlich praktiziert - zu einem allseitigen Interessenausgleich führt und damit dem sog. Gemeinwohl dient. Antagonistische Widersprüche in der Gesellschaft kommen in der PR-Theorie nicht vor, weil sie nicht gebraucht und daher auch nicht wahrgenommen werden. Sie würden das mühsam entworfene Bild einer heilen Welt ohne Klassen- und Bildungsunterschiede zerstören. Gesellschaftlichen Fortschritt gibt es nach Auffassung der PR-Theoretiker nur im Rahmen der gegebenen kapitalistischen Sozialordnung, es handelt sich also immer um einen Fortschritt, der den Interessen der Auftraggeber von PR dienlich ist: „Welche Verbesserung auch immer 'im normalen Gang der Ereignisse' und ohne Umwälzung eintreten mag, unter diesen Umständen wird sie eine Verbesserung sein, die in der von den partikulären Interessen bestimmten Richtung liegt, die das Ganze kontrollieren.“

Bereits nach diesen knappen theoretischen Vorüberlegungen entpuppt sich das „Gemeinwohl“ der PR-Theoretiker als Wohl des Auftraggebers, getarnt als Dienst an der „Volksgemeinschaft“. Was liegt daher näher, als zu vermuten, daß die Wurzeln praktischer und theoretischer PR-Arbeit in Deutschland im NS-Faschismus zu suchen sind? Noch dazu, wenn führende deutsche Theoretiker und Praktiker dieser Kommunikationsdisziplin auf eine bewegte Nazi-Vergangenheit zurückblicken können.

In der Tat erschien der Begriff „Public Relations“ zum ersten Mal um die Jahreswende 1937/38 in der deutschen Wirtschafts- und Werbeliteratur. Für die „Deutsche Werbung“, das Zentralorgan der NS-Reichsfachschaft Deutscher Werbefachleute (NSRDW), berichtete Dr. Carl Hundhausen über einen Werbekongreß, der im September 1937 in Syracuse im US-Bundesstaat New York stattgefunden hatte. Im Grunde genommen, schrieb Hundhausen, sei „Public Relations Policy“ für die deutschen Werbefachleute nichts Neues und verwies zum Beleg auf eine Äußerung Gustav Krupps, wonach der „Zweck der Arbeit“ das „Gemeinwohl“ sei. PR bedeute in diesem Zusammenhang die „Interpretation“ von Unternehmenspolitik für die Öffentlichkeit, bis das Image des jeweiligen Unternehmens ganz mit seinem „wirklichen Charakter“ übereinstimme. Dies sei zwar, so Hundhausen, „... wahrhaftig ein hohes Ziel ..., das aber heute in den Vereinigten Staaten von Amerika, wo so erschreckend viel über Sozialisierung ... geredet wird, ernstlich akut ist.“

Anfang 1938 kam Hundhausen dann in der „Zeitschrift für Betriebswirtschaft“ noch einmal ausführlicher auf seine in den USA gesammelten Erfahrungen zurück. Die Absicht von PR, schrieb er, sei es, „den Gedanken, daß Arbeit und Kapital gemeinsame Aufgaben zu erfüllen haben“, in der Öffentlichkeit durchzusetzen. Dazu bediene man sich zum einen bestimmter Maßnahmen der „Menschenführung“. Diese sollten sowohl der Identifikation der Arbeitnehmer mit dem sie beschäftigenden Unternehmen als auch der den jeweiligen Unternehmensinteressen entsprechenden Beeinflussung der Öffentlichkeit dienen. Zum anderen sei dieser Art zielgerichtete PR eine Frage der richtigen betriebswirtschaftlichen Organisation. Das Unternehmen müsse in der Lage sein, die Beziehungen zur Presse kontinuierlich zu pflegen und alle öffentlichen Äußerungen über das Unternehmen zu überwachen.

Wieder kam Hundhausen zu dem Schluß, daß das alles für Deutschland so neu nicht sei: „Wenn man diese ... Überlegungen betrachtet, dann kann man nicht gerade sagen, daß sie neu sind. Man kann auch nicht gerade sagen, daß sie für die deutschen Industrieunternehmungen, die ja alle Werbeabteilungen, Pressebüros, literarische Büros oder besondere Mitarbeiter haben, neu sind. Neu ist nur die isolierte Fragestellung überhaupt. Die Heraushebung einer einzigen Funktion und Aufgabe der Werbung, ja ihre zentrale Überordnung.“

Warum also, fragte sich Carl Hundhausen, sollte man nicht in diesem Punkt von Amerika lernen, zumal doch die sozialen Bedingungen, unter denen PR stattfand, in Deutschland sehr viel günstiger waren. Laut Hundhausen behinderte nämlich in den USA eine ganz bestimmte Gruppe die Einsicht, „daß Arbeit und Kapital gemeinsame Aufgaben zu erfüllen haben“: „Zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern steht ... ein ... Problem; ... das Problem der Verjudung der Vereinigten Staaten. Es wird von sehr vielen Amerikanern erkannt. (...) Die Gefahr wird aber einstweilen noch dadurch abgewehrt, daß man sie duldet. In einer sehr großen Zahl von Unterhaltungen kam immer wieder zum Ausdruck, daß etwas geschehen muß und wird; man ist sich aber offenbar noch nicht darüber klar, was geschehen soll und wie es geschehen soll. Der Antisemitismus war in den Vereinigten Staaten ... immer sehr stark ... Er hat offenbar gegen diese über Nacht großgewordene Gefahr noch nicht die richtige Grundstellung und aus ihr heraus noch nicht die richtige Organisation gefunden.“ In Deutschland hatte man die entsprechende Organisation gefunden; sie hieß NSDAP, und Hundhausen war ihr im Frühjahr 1933 beigetreten.


PR-Päpste

Jede wissenschaftliche oder halbwissenschaftliche Disziplin hat ihre Lehrmeister und Interpreten; in unserem Fall werden diese des öfteren als „PR-Päpste“ apostrophiert. Carl Hundhausen ließe sich, um bei diesem Bild zu bleiben, als „PR-Prophet“ bezeichnen. Er führte den Begriff in Deutschland ein und legte damit den Grundstein zur Entwicklung einer eigenständigen deutschen PR-Theorie. Selbstverständlich wird er deshalb entsprechend verehrt.

Ein weiterer Grund für sein hohes Ansehen in PR-Kreisen dürfte darin liegen, daß die Biographie dieses Mannes, der es vom Schuhmachergesellen bis zum PR-Chef bei Krupp gebracht hat, immer wieder als Beleg für die Gültigkeit der eigenen korporativistischen Ideologie herangezogen werden kann. Etwa nach dem Motto: Wer intelligent genug ist und hart arbeitet, wird es immer zu etwas bringen; selbstverständlich nicht gegen die Interessen der Kapitalbesitzer, sondern nur im Verein mit ihnen.

Carl Hundhausen war dem Krupp-Konzern zeitlebens eng verbunden; eine Freundschaft, die auch mehr als zwanzig Jahre nach seinem Tod noch Früchte trägt. Die Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung, in Person des ehemaligen Krupp-Generalbevollmächtigten Berthold Beitz, vergibt regelmäßig ein nach Hundhausen benanntes Promotionsstipendium, das mit 50.000 DM dotiert ist. Eine Jury, die von der Nürnberger „Vereinigung zur Förderung der Public Relations-Forschung“ gestellt wird und ausschließlich mit erklärten Hundhausen-Bewunderern besetzt ist, sorgt dafür, daß nur Stipendiaten angenommen werden, die „einen ausführlichen und überzeugenden Nachweis ihrer Beschäftigung mit der Public Relations-Forschung“ erbringen können. Ende letzten Jahres konnte auf diese Weise gefördert die erste Hundhausen-Biographie erscheinen; er selbst hätte sie kaum besser schreiben können.

Dem PR-Propheten Hundhausen stehen zwei PR-Päpste zur Seite; es handelt sich um die bereits erwähnten PR-Theoretiker Albert Oeckl und Franz Ronneberger. Was ihre Beliebtheit bei der nachfolgenden Generation von PR-Forschern angeht, haben sie dem Altmeister bereits den Rang abgelaufen. Oeckl und Ronneberger sind die am häufigsten in studentischen Abschlußarbeiten zitierten deutschsprachigen PR-Autoren; Hundhausen folgt erst an dritter Stelle.

Der Aufstieg Albert Oeckls zum bundesdeutschen PR-Papst vollzog sich während der 50er Jahre. Zu Beginn des Jahrzehnts übernahm der bis dahin als Unternehmensberater Tätige die Geschäftsführung des Deutschen Industrie- und Handelstages (DIHT), wo er zugleich Leiter der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit wurde. Zur selben Zeit erschien erstmalig sein „Taschenbuch des Öffentlichen Lebens“, bis heute das meistbenutzte Adressen-Nachschlagewerk über bundesdeutsche Parteien, Verbände, Institutionen und andere Organisationen. Augenscheinlich verfügte Oeckl neben den für die Zusammenstellung eines solchen Kompendiums notwendigen guten Beziehungen zu hochrangigen Kreisen in Politik und Wirtschaft auch über das entsprechende technische Know-How. Vor dem Hintergrund, daß Oeckl noch zehn Jahre zuvor als stellvertretender Abteilungsleiter in der Berliner Zentrale der IG Farben unter anderem für die Überwachung der dort geführten Personenkartei zuständig war, ist dies nicht weiter verwunderlich.

Ende 1958 hielten Oeckl und Hundhausen, die sich über ihre gemeinsame Beschäftigung mit PR kennengelernt hatten, den Zeitpunkt für gekommen, Public Relations als eigenständige Berufsrichtung und wissenschaftliche Disziplin zu proklamieren. Gemeinsam gründeten sie in Köln die Deutsche Public Relations Gesellschaft (DPRG), bis heute die berufsständische Organisation deutscher PR-Fachleute. Hundhausen wurde der erste Präsident der DPRG; ihm folgte 1961 Albert Oeckl.

Zu dieser Zeit versuchte Oeckl bereits, Public Relations als universitäre Disziplin zu etablieren. Er hielt PR-Vorlesungen an den Universitäten Heidelberg und Augsburg sowie an der Freien Internationalen Universität und dem Institut für Wissenschaft und Technik der öffentli­chen Meinung in Rom.

Beruflich hatte sich Oeckl inzwischen verändert; er war sozusagen in den Schoß seines alten Arbeitgebers zurückgekehrt. Seit 1959 bekleidete er den Posten des Leiters der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit bei der Badischen Anilin- und Sodafabrik (BASF), eine der Gründer- und Nachfolgegesellschaften der IG Farben. Als er 1974 in Ludwigshafen seine Abschiedsvor­stellung in Form eines Vortrags über die Öffentlichkeitsarbeit der BASF gab, hörten ihm 1400 leitende Angestellte zu.

Das Erreichen des Rentenalters tat Oeckls Beschäftigung mit PR keinen Abbruch, im Gegenteil. Nicht zuletzt durch die Übernahme einer Fülle sog. Ehrenämter - war er jetzt so bekannt, daß er sich ganz „seiner“ Disziplin widmen konnte. Bis in die 80er Jahre hinein veranstaltete er PR-Seminare für Spitzenmanager aus Wirtschaft und Verwaltung.

1975 wurde Oeckl für seine Verdienste um das positive Miteinander von Wirtschaft und Gesellschaft das Große Bundesverdienstkreuz verliehen. Zur Begründung führte der damalige Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz, Helmut Kohl, folgendes aus: „Seine Leistung besteht darin, daß er die vielfältigen Beziehungen zwischen der Wirtschaft und der breiten Öffentlichkeit unter Anwendung wissenschaftlicher Denkmethoden so geordnet und ausgebaut hat, daß die Öffentlichkeitsarbeit den ihr früher anhaftenden negativen Aspekt verlor und zu einer unentbehrlichen Mittlerfunktion entwickelt wurde. Er hat damit einen Verhaltenskodex geschaffen, der für die großen Unternehmen der Wirtschaft, aber auch für die Verwaltung des öffentlichen Lebens zur unabdingbaren Verpflichtung geworden ist.“

Heute gilt der 89jährige - vergleichbar seinem US-amerikanischen Pendant, Edward L. Bernays - als „grand old man“ der Public Relations. Er leitet die DPRG-Projektgruppe „PR-Lehre und -Forschung an Universitäten und Fachhochschulen“, ist Ehrenkuratoriumsmitglied des Kulturkreises im Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) und gehört dessen Arbeitskreis „Presse (PR)“ an. 1985 benannte die DPRG einen Preis für Nachwuchskräfte nach ihm, der seit 1995 sowohl für Diplom-, Magister- und Doktorarbeiten als auch für PR-Konzeptionen verliehen wird.

An dieser Stelle soll ein kurzes Resümee des bisher Gesagten gezogen werden. Es konnte gezeigt werden, daß Oeckl wie Hundhausen die gleiche korporativistische Ideologie vertraten, die immer auch der Politik der jeweiligen deutschen Regierung entsprach; PR sollte der Ver­breitung und Durchsetzung der Einsicht dienen, „daß Arbeit und Kapital gemeinsame Aufga­ben zu erfüllen haben“. Beider Karriere wäre nicht denkbar, ohne die enge Verknüpfung mit den Interessen der deutschen Industrie - im Fall Hundhausen ist damit der Krupp-Konzern, im Fall Oeckl die IG Farben bzw. BASF gemeint. Gestützt auf ihre Beziehungen zu einflußreichen Kreisen in Politik und Wirtschaft gelang es ihnen, PR als wissenschaftliche Disziplin zu etablieren und sich so einen Motor zur weiteren Verbreitung ihrer korporativistischen Ideologie zu schaffen. Die Einrichtung des ersten deutschen PR-Lehrstuhls in Leipzig 1994 wäre ohne ihre Vorarbeit nicht möglich gewesen; die kommunikationswissenschaftlichen Fachbereiche deutscher Universitäten können heute nicht mehr auf die Zusammenarbeit mit der DPRG verzichten.

Durch das Zutun von Dr. Franz Ronneberger erfuhr die beschriebene Etablierung von PR an bundesdeutschen Hochschulen einen weiteren Schub. Anfang 1975 machte Carl Hundhausen dem damaligen Leiter des Instituts für Politik- und Kommunikationswissenschaften an der Universität Erlangen-Nürnberg ein verlockendes Angebot: Ronneberger solle sich für die Schaffung eines ordentlichen PR-Lehrstuhls einsetzen; dafür wolle er der Universität Erlangen-Nürnberg seine mehr als 1300 Bücher sowie Zeitschriften und anderes Material umfassende Bibliothek schenken. Gleichzeitig, so erklärte Hundhausen, werde er PR-Forschung und -Lehre an der Universität Erlangen-Nürnberg mit einem Betrag von 500.000,- DM aus seinem Vermögen unterstützen.

Die Schenkung, bei der festgelegt wurde, daß „das gesamte Material und die Fachbibliothek ... für zehn Jahre im Institut für Politik- und Kommunikationswissenschaft unter Leitung von Herrn Professor Dr. F. Ronneberger zusammengefaßt bleiben ...“ müssen, wurde im April 1975 wirksam; die Errichtung einer PR-Professur unterblieb. Offensichtlich konnte sich Ronneberger in den universitären Gremien mit Hundhausens Vorschlag nicht durchsetzen.

Ein halbes Jahr später beschlossen Hundhausen und Ronneberger deshalb die Gründung der „Treuhänderische(n) Stiftung für Public Relations-Forschung“ beim Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft. Ronneberger war mit diesem Club wissenschaftsbeflissener Industrieller bestens vertraut; er hatte dort in den Jahren 1958 bis 1960 als Referent für Hochschulfragen und akademische Nachwuchsförderung gearbeitet. Hundhausen gab das Geld, und Ronneberger übernahm es, dieser Art finanziell abgesichert, den Zweck der Stiftung in die Tat umzusetzen. Fortan stand an seinem Lehrstuhl, dem die Stiftung zugeordnet war, PR auf dem Programm. Hundhausens Bibliothek wurde katalogisiert, am Institut für Politik- und Kommunikationswissenschaften wurden PR-Lehrveranstaltungen angeboten, und man begann mit der Herausgabe von PR-Literatur.

1979, zwei Jahre nach Hundhausens Tod, gründete Franz Ronneberger dann gemeinsam mit Heinz Flieger die „Vereinigung zur Förderung der Public Relations-Forschung“ mit Sitz in Nürnberg. Ronneberger wurde Vorstandsvorsitzender, Flieger Geschäftsführer. Die Vereini­gung konnte sich, nicht zuletzt durch ihre Zusammenarbeit mit der DPRG, an etlichen bun­desdeutschen Hochschulen festsetzen und stellt unter anderem die Jury bei der Vergabe des bereits erwähnten „Hundhausen-Promotionsstipendiums“. Das Beispiel der auf diese Weise entstandenen Hundhausen-Biographie zeigt, daß man hier nicht nur an Fragen der Nachwuchsförderung interessiert ist, sondern auch daran, die eigene Geschichtsschreibung zu besorgen.

Obwohl der Einfluß Ronnebergers auf die Theoriebildung und die universitäre Etablierung der PR nicht zu unterschätzen ist, fällt auf, daß seine Beschäftigung mit Public Relations - im Vergleich zu Hundhausen und Oeckl - erst Mitte der 70er Jahre, also relativ spät, erfolgte. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte sich Ronneberger zwei anderen Disziplinen verschrieben; der „Ostforschung“ und der Publizistik. Zum Beleg genügt ein Blick auf die Liste seiner Mitgliedschaften in wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Gremien. 1978 war der „Ostforscher“ Ronneberger Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats, des Publikationsauschusses und des Preis- und Stipendienausschusses der Südosteuropa-Gesellschaft in München; er gehörte neben anderen Einrichtungen der „Ostforschung“ auch der in Stuttgart beheimateten Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde an. Der Publizist Ronneberger saß unter anderem im Fernsehrat des ZDF und gehörte zur Jury des Gruner+Jahr-Preises für Mediaforschung.

Für das Duo Hundhausen/Oeckl hatte Ronneberger den Vorteil, daß er sein seit Mitte der 30er Jahre erworbenes wissenschaftliches Renommee in die Zusammenarbeit einbrachte; er verfügte zudem über einen großen Schatz an publizistischer Erfahrung sowie über gute Beziehungen zu Vertretern der Wirtschaft und des Staatsapparates.

Ronnebergers publizistische Karriere begann im März 1939, als er nach Wien in den persönlichen Stab des Reichstatthalters für das von Deutschland annektierte Österreich berufen wurde. SS-Obergruppenführer Arthur Seyß-Inquart beauftragte ihn mit dem Aufbau einer Dienststelle zur Beobachtung der südosteuropäischen Presse. Ab 1941 profilierte sich Ronneberger dann als Leitartikler des NSDAP-Zentralorgans „Völkischer Beobachter“, bis er 1943 seine eigene „volkstumspolitische“ Zeitschrift herausgab, in der der Völkermord an Juden, Sinti und Roma propagiert wurde. In den Jahren 1948 bis 1958 leitete er die Dokumentationsabteilung der Westdeutsche(n) Allgemeine(n) Zeitung.

Auch Ronnebergers Kontakte zu hochrangigen Wirtschaftsvertretern lassen sich auf die Zeit vor 1945 zurückführen. Ab 1941 gab er im Auftrag der zu diesem Zeitpunkt noch in Wien beheimateten Südosteuropa-Gesellschaft deren Vertrauliche Wirtschaftsnachrichten (VWN) heraus. Exemplare der VWN gingen nicht nur an das Reichssicherheitshauptamt und das Wehrwirtschafts- und Rüstungsamt beim Oberkommando der Wehrmacht, sondern ebenso an mehr als 200 deutsche Firmen und prominente Geschäftsleute. Während seiner Referententätigkeit beim Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft machte Ronneberger selbst PR für die Interessen hochrangiger Industriekreise.

In der Phase des NS-Faschismus hatte Ronneberger dem deutschen Staat stets treu gedient; zuerst unter Seyß-Inquart, später dann im Auswärtigen Amt und bei der Südosteuropa-Ge­sellschaft. In Anbetracht mannigfacher struktureller und personeller Kontinuitäten vom Nationalsozialismus zur BRD ist es nicht gerade außergewöhnlich, daß der Rechtsnachfolger des Dritten Reichs nicht auf die Dienste des ehemaligen „Volkstumspolitikers“ verzichten wollte. Im Gegenteil: Man sog seinen mittlerweile modernisierten Korporativismus völkischer Prägung begierig in sich auf. In den 70er und 80er Jahren veranstaltete die Südosteuropa-Gesellschaft zusammen mit verschiedenen Bundesministerien und Landesregierungen mehrere Symposien zur Ausländerpolitik, die Ronneberger leitete. Die Ausgangslage analysierte er folgendermaßen: „Auf den ersten Blick scheint es, daß Deutschland nach den wiederholten Ausdehnungen und Amputationen unseres Territoriums, die jeweils mit schweren Volkstumskämpfen verbunden waren, nun endlich ein national homogener Staat geworden ist ... Doch dieser Eindruck täuscht. Entgegen allen Erwartungen droht uns zumindest vorübergehend, wenn nicht sogar auf längere Sicht, das Schicksal eines Immigrationslandes ...“ Wie diesem drohenden Schicksal zu entkommen sei, wußte Ronneberger auch: „Den Kern (der Ausländerpolitik) ... bildet die Behandlung der sog. Gastarbeiter. Vorgelagert ... sind Überlegungen und Maßnahmen der Beschäftigungs- und Bevölkerungspolitik im Hinblick auf Bedarfsfragen, Verteilung der Arbeitssuchenden auf Branchen und Räume, Gleichgewichtsfragen zwischen deutscher und ausländischer Population usf. Danach bemessen sich künftiger erlaubter Zuzug oder Stop von ausländischen Arbeitnehmern ... Über die Aufrechterhaltung des Anwerbestops und die restriktive Behandlung des Nachzugs besteht weitgehend Übereinstimmung.“

Der eingangs dieser Untersuchung geäußerte Verdacht, daß die Wurzeln deutscher PR-Theorie im NS-Faschismus zu suchen sind, hat sich erhärtet: Es wird ein Korporativismus vertreten, der sich von dem der Nazis nur in seiner aktuellen Ausprägung, nicht jedoch hinsichtlich seiner ideologischen Grundlagen unterscheidet. Ein Blick auf die Biographien der führenden deutschen PR-Theoretiker hat zudem gezeigt, daß diese ohne ihre in der Zeit des Nationalsozialismus gewonnenen praktischen und konzeptionellen Erkenntnisse kaum in der Lage gewesen wären, eine eigenständige deutsche PR-Theorie nach dem Ende des 2. Weltkriegs in der BRD zu etablieren. Daher soll die Geschichte und persönliche Entwicklung dieser „PR-Päpste“ im folgenden einer eingehenderen Betrachtung unterzogen werden. Damit soll zugleich dem Impetus Rechnung getragen werden, die Geschichtsschreibung über PR in Deutschland nicht den Lehrmeistern dieser Disziplin und ihren Schülern zu überlassen.

Carl Hundhausen

Nicht alle kehrten mit zerschossenen Gesichtern, verstümmelten Gliedmaßen oder Angstpsychosen von den Schlachtfeldern des 1. Weltkriegs zurück; für manche brachte dieser Krieg sogar einen regelrechten Karrieresprung. Carl Hundhausen zählt zu letzteren. Ende 1914 war der 21jährige Schustergeselle aus Gelsenkirchen-Ueckendorf eingerückt; vier Jahre später kam er, mit dem Eisernen Kreuz II. Klasse dekoriert, als Vizefeldwebel nach Hause. Da Hundhausen seine Befähigung zu Höherem zuletzt als Schreiber des XVII. Minenwerfer-Bataillons unter Beweis gestellt hatte, erhielt er sofort nach Kriegsende eine Stelle als Korrespondent (Sachbearbeiter) in der Kasse des Versorgungsamtes Essen. Der Krupp-Konzern, in dessen Schusterwerkstatt er vor Kriegsbeginn gearbeitet hatte, bedachte ihn zusätzlich mit einem Firmenstipendium, so daß Hundhausen im Oktober 1921 als Externer das Abitur an der Krupp-Oberrealschule in Essen-Ruhr nachholen konnte.

Folgt man seiner Biographin Eva-Maria Lehming, so hatte der Krupp-Manager Alfred Busemann zu diesem Zeitpunkt bereits ein Auge auf Hundhausen geworfen. Anfang 1922 holte er ihn zu sich in die Finanzabteilung des Konzerns und ermutigte ihn gleichzeitig, ein wirtschaftswissenschaftliches Studium aufzunehmen. Busemanns Anregung fiel bei Hundhausen auf fruchtbaren Boden. Bereits drei Jahre später war er Diplom-Kaufmann; ein dreiviertel Jahr darauf promovierte er mit der Schrift „Innerbetriebliche Standortfragen“ an der Universität Köln zum Dr. rer. pol.. Hundhausen wußte, was er seinem Gönner schuldig war: „Die vorgelegten Untersuchungen und mein Studium überhaupt neben einer dauernden Berufsarbeit durchzuführen, ist mir nur unter freundlicher und verständnisvoller Förderung durch Herrn Fabrikdirektor Dr. Alfred Busemann, Friedr. Krupp AG, Essen, möglich gewesen ...“, schrieb er 1925 im Vorwort zu seiner Dissertation.

Hundhausens Auswanderung in die USA Mitte Dezember 1926 kommt überraschend; war er doch erst ein halbes Jahr zuvor von Busemann zum Leiter des Effekten-Ressorts innerhalb der Kruppschen Finanzabteilung ernannt worden. Seine Biographin kann Hundhausens Motivation nur unzureichend erklären; weder die Tatsache, daß Hundhausen eine Schwester in New York hatte, noch die von Lehming suggerierte „Abenteuerlust“ können als ausreichende Begründung für seine Auswanderung akzeptiert werden. Vielmehr drängt sich die Vermutung auf, daß Hundhausen durch seine Beschäftigung mit dem Wertpapierhandel des Hauses Krupp in Kontakt zu den Wallstreet-Brokern von der New York and Hanseatic Corporation kam und dort Interesse an einer Mitarbeit bekundete. Offensichtlich wurde man sich schnell handelseinig. Gestützt wird diese Version durch den von Hundhausen Anfang 1938 für die Reichsschrifttumskammer angefertigten Lebenslauf. Danach verließ er Deutschland am 17. Dezember 1926 (an Bord der „Hamburg“ mit Ziel New York) und begann, bereits am 6. Januar 1927 für die New York and Hanseatic Corporation zu arbeiten.

Während Hundhausen bei seinem neuen Arbeitgeber stetig die Karriereleiter emporkletterte, ließ er den Kontakt zur Heimat nicht abreißen. Vor allem in den „Annalen der Betriebswirtschaft“ und im „Magazin der Wirtschaft“ berichtete er regelmäßig über die neuesten Entwicklungen auf dem amerikanischen Finanzsektor.

1929 erschien - wenn man von seiner Dissertation absieht - Hundhausens erste Monographie: Kundenwerbung amerikanischer Banken. Das Buch dokumentiert seine Hinwendung zur Werbung und läßt seine spätere Beschäftigung mit PR bereits erahnen. Einige Werbemaßnahmen der US-Banken werden ganz besonders gelobt, z. B. die gängige Praxis führender Manager, Artikel für Wirtschaftsblätter zu schreiben. Bei diesen „Beiträge(n), die führende Mitglieder eines Hauses für Magazine und Zeitschriften schreiben, wird nicht die Absicht, für das eigene Haus zu werben, betont; alles was geschieht, ist die knappe Erwähnung, daß der Verfasser diesem oder jenem Hause angehört.“ Auch die übrige Pressearbeit der US-amerikanischen Banken fasziniert ihn. Man beschäftige „Verbindungsoffiziere“, worunter „bedeutende Journalisten“ zu verstehen seien, „... die lediglich im Interesse gewisser Institute oder Privatbankfirmen tätig sind, für diese die Öffentlichkeit auf dem Wege über die Zeitungen unterrichten oder beeinflussen, und so für die generellen Linien und die grundlegenden Tendenzen der Werbung dieser Häuser von entscheidendem Einfluß sind.“

Während Hundhausen spätestens nach dieser Veröffentlichung in Deutschland als profunder Kenner der US-Ökonomie galt, gelang es ihm nicht, seinen wissenschaftlichen und publizistischen Ambitionen in den USA selbst zum Durchbruch zu verhelfen. In den Jahren 1927 bis 1931 konnte er gerade einmal zwei (!) Artikel in amerikanischen Printmedien unterbringen. So kam es ihm sehr gelegen, daß er Anfang 1931 einem alten Kommilitonen wiederbegegnete, den er aus den BWL-Vorlesungen bei Eugen Schmalenbach kannte. Willy Hillers, der zwei Jahre zuvor zusammen mit seinem Vetter Dietrich die Leitung der Süßwaren produzierenden Hillers-Werke in Solingen übernommen hatte, suchte einen Verkaufsdirektor; Hundhausen willigte ein.

Die 1885 gegründeten Hillers-Werke hatten seit 1929 einen ungeahnten Aufstieg genommen. Die Hillers-Vettern gründeten die Dr. Hillers AG, ließen am Fließband ein Pfefferminzbonbon produzieren und vertrieben dieses als Markenartikel unter dem Namen „Dr. Hillers Pfefferminz“. Da die Kaufkraft der deutschen Bevölkerung in dieser Phase tiefster Depression allerdings etwas zu wünschen übrig ließ, versuchte man, ausländische Käuferschichten zu erschließen. Jenseits des Atlantiks hatte man Erfolg; 1931 stammten die Erlöse des Unternehmens zu einem großen Teil aus dem Exportgeschäft mit den USA. Was lag näher, als einen anerkannten Amerika-Experten zum Verkaufsdirektor zu ernennen?

In Solingen angekommen, konnte Hundhausen gleich seine neu erworbenen Werbekenntnisse in die Tat umsetzen; schließlich mußte auch in Deutschland für „Dr. Hillers Pfefferminz“ permanent geworben werden, galt es doch, den Hauptkonkurrenten Vivil auszustechen. Zuerst verpaßte Hundhausen dem Unternehmen ein einheitliches „Corporate Design“: Das Firmenemblem, der sog. Schwert-Löwe, erschien durchgängig auf rotem Grund und wurde auf allen Briefbögen, Rechnungen, Quittungen und Verkaufsfahrzeugen der Firma angebracht. Später sorgten Hillers-Werbekolonnen dafür, daß der Einzelhandel die Pfefferminzdrops verkaufsstrategisch günstig im Laden positionierte.

Am 30. Januar 1933, dem Tag der Machtübertragung an Adolf Hitler, knallten auch bei Hillers in Solingen die Sektkorken. Hatte man während des 1. Weltkriegs Dörrobst für das deutsche Militär produziert, so ließ der erklärte Wille der Nationalsozialisten, die Wehrmacht aufzurüsten und vor allem die Jugend in paramilitärischen Organisationen zu erfassen, einen regelrechten Nachfrageboom bei Pfefferminz- und Vitamindrops erwarten. Ende 1935 gab der mittlerweile bekennende Nazi Carl Hundhausen in seiner Mitarbeiter- und Kundenzeitschrift folgendes bekannt: „Die Wiedererstarkung unserer Wehrmacht hat auch eine große wirtschaftliche Bedeutung. In den vielen neu errichteten Kantinen lassen sich bedeutende Umsätze gerade in Süßwaren erzielen. Adressen von Militär-, Arbeitsdienst- und sonstigen Kantinen besitzen wir vollständig. Unseren Geschäftsfreunden stellen wir sie gerne für ihren Bezirk kostenlos zur Verfügung.“ In den Hillers-Laboratorien arbeitete man - parallel zu diesen Ver­kaufsanstrengungen - an der Vitaminisierung von Bonbons. Das auf diese Weise entwickelte Produkt „C 30“ wurde per Dauerauftrag von der Wehrmacht abgenommen.

Nicht nur die Aufrüstungspolitik, sondern auch der Korporativismus der Nazis fand bei Hillers großen Anklang. Bereits um die Jahrhundertwende hatte die damalige Geschäftsleitung eine Geldstrafe gegen unpünktliche Arbeiterinnen und Arbeiter verhängt, aus deren Erlös kranke Belegschaftsmitglieder unterstützt wurden. Jetzt hatte man durch die von Hundhausen geschaffene Firmenzeitschrift „Der Schwert-Löwe“ eine weitere Möglichkeit, stets und ständig auf die Treue der Belegschaft zu „ihrem“ Betrieb hinzuwirken. Die hier angekündigten und dokumentierten Wettbewerbe, Betriebsappelle und Ausflüge dienten der Mobilisierung der Belegschaft, ihrer Identifikation mit den Zielen des Managements und der Propagierung eines pseudo-egalitären „Wir-Gefühls“ - heute würde man von der Durchsetzung einer „Corporate Identity“ sprechen. Als am 27. Oktober 1938 der neue Gemeinschaftsraum der Hillers-Werke in Anwesenheit hoher Funktionäre der DAF eingeweiht wurde, war der Betrieb bereits völlig uniformiert.

An ihrer korporativistischen Ideologie hielten die Gebrüder Hillers auch nach dem Ende des 2. Weltkriegs fest, begingen dabei jedoch - zumindest einmal - einen folgenschweren Formfehler: Für den Sommer 1949 war - wie bereits 1939 - ein Betriebsausflug auf dem Rhein geplant. Als Einladung erhielten die Belegschaftsangehörigen denn auch, neben einem förmlichen Begleitschreiben, die „Rheinfahrt-Sonderausgabe“ des Schwert-Löwen vom Juni 1939. Nur hatten sich die Zeiten mittlerweile zumindest soweit geändert, daß die Solinger Arbeiterschaft die darin enthaltenen Abbildungen - den mit ausgestrecktem rechten Arm grüßenden Firmengründer Johann Wilhelm Hillers und eine SA-Kapelle - nicht nur als Provokation empfand, sondern auch entsprechend handelte. Der DGB-Ortsausschuß forderte die Einsetzung eines Treuhänders für die Hillers-Werke, allerdings ohne Erfolg.

Den Grundstein für seine wissenschaftliche und publizistische Karriere legte Hundhausen in seiner Zeit bei Hillers. Die NSDAP-Mitgliedschaft öffnete ihm den Weg in die braune Wirtschaftspresse; er schrieb für das seit 1931 erscheinende NS-Wirtschaftsblatt „Die Deutsche Volkswirtschaft“ des faschistischen Multifunktionärs Heinrich Hunke und die Zeitschrift „Wirtschaftswerbung“ des Werberats der Deutschen Wirtschaft, dem Hunke von 1939 an als Präsident vorstand. Hundhausens Beschäftigung mit Fragen betriebswirtschaftlicher Organisation und seine Kenntnisse der Marktforschung und Werbung führten 1941 zu seiner Habilitation an der Universität Frankfurt/Main. Ab 1942 gehörte er zum festen Mitarbeiterstamm der „Krähe-Kommission“ innerhalb der Schmalenbach-Gesellschaft; zudem hielt er engen Kontakt zu Wilhelm Vershofen von der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK).

Hundhausens zentrale These lautete, daß PR als besondere Form der Werbung eine Funktion von „richtiger Menschenführung“ und „richtiger betriebswirtschaftlicher Organisation“ sei. Seine Vorstellung basierte auf den Theoremen faschistischer Ökonomen wie Heinrich Hunke, wonach Werbung als scheinbar objektive Verbraucherinformation zu betrachten sei, durch die sich Konkurrenzunternehmen voneinander abgrenzen. Diese stünden in einem sog. Leistungswettbewerb, der nach sozialdarwinistischen Prinzipien funktioniert: Der Stärkere und damit zugleich Bessere setzt sich durch und verweist seine Konkurrenten entweder auf die unteren Ränge oder sorgt längerfristig für ihr Verschwinden vom Markt. Werbetreibende hätten in diesem Zusammenhang die Aufgabe, die Leistungen des eigenen Unternehmens zu betonen und über die Beeinflussung der Konsumgewohnheiten gleichzeitig den Verbrauch gemäß den Vorgaben von Staat und NSDAP zu lenken.

Ein Unternehmen, so Hundhausen in seiner Habilitationsschrift, müsse sich eine Organisation schaffen, die es ihm ermögliche, „... die Gegenwartslage ... zuverlässig zu diagnostizieren, um von diesen erweiterten Erkenntnisgrundlagen aus Einzelheiten des kommenden Entwicklungsverlaufs prognostisch vorzuzeichnen und festzulegen.“ Der Werbung käme dabei die Aufgabe zu, die im Rahmen der Unternehmensstrategie gewünschte Entwicklung durchzusetzen: „Die Wirtschaftswerbung ist als bloßes Mittel der Absatzwirtschaft nicht Selbstzweck. Als reine Verkaufswerbung muß sie ihren Ausgang von der Ware nehmen. Je mehr aber diese Waren an den Standards einer ökonomischen Produktgestaltung geformt und je stärker diese Waren homogenisiert und gleichgerichtet werden, je mehr können sie zur Deckung eines homogenen und gleichgerichteten Bedarfs dienen. In diesem Falle hat die Wirtschaftswerbung als reine Absatzwerbung die Aufgabe, Bedürfnisverlagerungen entgegenzuwirken und den Bedarf auf diese gleichförmig gestalteten Waren ausgerichtet zu halten.“

Innerbetrieblich müsse die Belegschaft permanent für die Ziele des Unternehmens mobilisiert werden, wofür die Durchsetzung des „Führerprinzips“ Voraussetzung sei. Bereits 1935 hatte Hundhausen entsprechende Vorschläge unterbreitet: „Der Führer einer Aktiengesellschaft ist nur dann ein wirklicher Führer, wenn er neben der erfolgreichen Lösung seiner wirtschaftlichen Aufgaben die Menschen in seinem Betrieb zu einer Betriebsgemeinschaft zusammenfügen kann. (...) Es bedarf wohl keiner Betonung, daß dadurch keine Verfälschung oder Besei­tigung des in der natürlichen Betriebsordnung begründeten Unterschiedes wie Leistung, Geltung, Verantwortung, Differenziertheiten und Aufstiegsmöglichkeiten eintreten soll. (...) Es sind Schulungslager für Aufsichtsratsmitglieder, Führer von Aktiengesellschaften, ihre Stellvertreter usw. zu schaffen, in denen zunächst eine grundlegende Schulung in der nationalsozialistischen Staats- und Wirtschaftsauffassung, d.h. der nationalsozialistischen Haltung schlechthin, erfolgen soll.“

Die Mobilisierung der Belegschaft und die Übereinstimmung von „Betriebsführung“ und „Gefolgschaft“ mit dem NS-Regime sei aber durch die herkömmliche Wirtschaftswerbung in ihrer Form als Produkt- oder Absatzwerbung nicht mehr gewährleistet, folgerte Hundhausen; Public Relations sei vonnöten: „Während sich in der allgemeinen Firmenwerbung ... noch eine deutliche Verbindung zur (Wirtschafts-) Werbung feststellen läßt, hat die ... Gestaltung der allgemeinen Beziehungen einer Unternehmung mit (Wirtschafts-) Werbung kaum noch etwas zu tun, wenn auch die Mittel, die durch die Wirtschaftswerbung ausgebildet wurden, in weitestem Umfange zur Durchführung dieser Aufgabe eingesetzt werden.“ PR solle nun einerseits der Belegschaft die innerbetriebliche Hierarchie als naturnotwendig schmackhaft machen und dafür sorgen, daß Konflikte „im Geiste der Betriebsgemeinschaft“ ausgetragen werden. Andererseits habe diese besondere Form der Werbung die Aufgabe, Behörden und Regierungsstellen den Sinn und Zweck einer Unternehmung näherzubringen. Das letztliche Ziel von PR, so Hundhausen weiter, sei die „Verbreiterung der Vertrauensbasis für das ganze Unternehmen“.

Hundhausen entwarf nicht nur korporativistische Gedankengebäude als Handlungsanleitung für andere, er handelte auch selbst danach. Als ein Beispiel dafür kann seine bereits erwähnte Mitarbeit in der „Krähe-Kommission“ der Schmalenbach-Gesellschaft gelten. Dieser Kreis, der sich mit betrieblichen Organisationsfragen befaßte, erarbeitete während der Jahre 1942 bis 1944 im Auftrag des Rüstungsministers Albert Speer eine „Dienststellengliederung“ für Industrieunternehmen.

Ein weiteres Beispiel für Hundhausens korporativistische Praxis ist sein Memorandum „Zucker statt Fett“ aus dem Jahre 1942. Die Idee dafür stammte - wie Hundhausen selbst in seinem Vorwort erklärt - von Herbert Backe, SS-Obergruppenführer und Staatssekretär im Landwirtschaftsministerium. Dieser hatte immer wieder klargemacht, wie er sich die Versorgung Nazi-Deutschlands mit Nahrungsmitteln vorstellt: Einerseits über „neu erschlossene Räume“, die durch „die härtesten und rücksichtslosesten Maßnahmen für Deutschland und Europa gewonnen werden“ müßten und andererseits durch Herstellung einer weitgehenden Autarkie.

Genau hier setzte Hundhausens Arbeit an: Mittels einer Produktions- und Verbrauchssteigerung von Zucker sollte die für die Versorgung des Deutschen Reichs so bedrohliche „Fettlücke“ (gemeint ist der aus Unterproduktion resultierende Mangel an tierischen Fetten) geschlossen werden. Ganz im Sinne seiner eigenen PR-Ideologie wurde Hundhausen nicht nur für seine Süßwarenfirma, sondern auch für das Landwirtschaftsministerium tätig. Jeder bekam, was er brauchte: Den Hillers-Vettern wurden Möglichkeiten zur Absatz- und Umsatzsteigerung aufgezeigt, und Herbert Backe erfuhr durch die Lektüre des Memorandums nicht nur, daß sich unter bestimmten Bedingungen Fett durch Zucker ersetzen läßt, sondern auch, „daß ein bedeutender Zuckerüberschuß vorhanden ist und daß das Zuckererzeugungspotential durch die zum Reich gekommenen Ostgebiete einen beträchtlichen Zuwachs erhielt“. Zucker, so Hundhausen weiter, sei „Soldatenkost“ und daher für eine kriegführende Nation von besonderer Bedeutung.

Als man bei der Krupp-Tochter WIDIA Ende 1944 einen kaufmännischen Direktor suchte, folgte Carl Hundhausen dem Ruf seines alten Arbeitgebers; am 28. Februar 1945 kehrte er endgültig Solingen und den Hillers-Werken den Rücken. Für diesen Schritt sind m. E. drei Motive ausschlaggebend. Ein Motiv Hundhausens ist mit Sicherheit seine tradierte Loyalität gegenüber dem Hause Krupp. Zum zweiten wollte Hundhausen, der in Solingen ein bekannter Mann war, mit seinem Umzug nach Essen wahrscheinlich auch seine Nazi-Vergangenheit hinter sich lassen. Das dritte Motiv dürfte in seiner neuen Aufgabe zu sehen sein: Als sehr gut Englisch sprechender PR-Fachmann sollte Hundhausen die fast unzerstörten und voll ar­beitsfähigen WIDIA-Werke vor der Demontage durch die britische Besatzungsmacht bewahren - was ihm auch gelang.

1954 erreichte Hundhausens zweite Karriere bei Krupp ihren Höhepunkt: Über ihm, dem Chef der Kruppschen PR-Abteilung, standen nur noch der Generalbevollmächtigte Berthold Beitz und der Firmeninhaber Alfried Krupp von Bohlen und Halbach. Ausgestattet mit einem Werbeetat von 1 Million DM zielte seine erste Aktion im neuen Amt auf die Revision der Geschichtsschreibung. Mitte August 1955 forderte er - mit Blick auf das lädierte Image der Es­sener Kanonenkönige und Kriegsverbrecher - die „Bereinigung der Schulbücher, Nachschlagewerke und Lexika von überholten Auffassungen und falschen Informationen“.

Nach seiner Pensionierung 1963 konnte sich Hundhausen dann ganz der Ausarbeitung und wissenschaftlichen Etablierung seiner korporativistischen PR-Theorie widmen. Dem Krupp-Konzern stand er natürlich trotzdem weiterhin als Berater in allen Fragen der Öffentlichkeitsarbeit zur Seite; bis zu seinem Tode 1977 wurde für ihn stets ein Büro in der Villa Hügel vorgehalten.

Albert Oeckl

Im Gegensatz zu Hundhausen, der aus einfachen Verhältnissen stammte und daher von seinen Verehrern gerne als „Selfmademan“ apostrophiert wird, brauchte Albert Paul Oeckl kein Firmenstipendium, um das Abitur zu erreichen. 1929 verließ der Zwanzigjährige seine Heimatstadt Nürnberg, um erst in Berlin, später in München Jura und Volkswirtschaft zu studieren.

Bald nach seinem ersten juristischen Staatsexamen 1933 erhielt der Parteigenosse Oeckl eine Stelle als Referent bei der Landesstelle München des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda, wo er zum ersten Mal von sich reden machte: Am 7. August 1935 lud die Steuben Society of America (SSA) anläßlich der Beendigung des offiziellen Teils ihres Deutschlandbesuchs zu einem Empfang in das Münchner Hotel „Bayerischer Hof“. Die 1919 gegründete SSA war eine revisionistische, d.h. auf die Revision des Versailler Vertrags hinarbeitende, antikommunistische und rassistische Organisation deutschstämmiger US-Bürger. Während ihrer „Deutschland-Pilgrimage“ hatten der Präsident der SSA, Theodore Hoffmann, und andere SSA-Führer auch Adolf Hitler auf dem Obersalzberg besucht. Oeckl repräsentierte bei diesem Empfang nicht nur die Landesstelle des Goebbels-Ministeriums, sondern gleichzeitig den NSDAP-Traditionsgau München-Oberbayern. In seiner Ansprache bezeichnete er die Deutschlandreise der Mitglieder der SSA als „eine Wallfahrt zu ihrer alten Heimat und zum neuen Deutschland“.

Neben seiner Berufstätigkeit fand Oeckl noch genügend Zeit, seine Dissertation zu schreiben, die er 1934 bei der staatswissenschaftlichen Fakultät der Universität München einreichte; sein Thema waren die Wohnverhältnisse der deutschen Angestellten. Diese frühe Schrift Oeckls ist geeignet, guten Anschauungsunterricht über die Entstehungsgeschichte korporativistischer Ideologie in Deutschland zu vermitteln.

Bereits bei der ersten Betrachtung seines Untersuchungsobjekts, der deutschen Angestellten, stellt Oeckl sein korporativistisches Gesellschaftsmodell vor: „Ihre letzte Bestätigung findet die hier dargelegte und heute wohl herrschende Auffassung in der Einstellung des Nationalsozialismus zur Angestelltenfrage: die sämtlichen Angestelltenverbände, zuerst zusammengeschlossen im 'Gesamtverband der deutschen Angestellten' und schließlich in der 'Deutschen Angestelltenschaft', bilden eine der drei tragenden Säulen der Deutschen Arbeitsfront neben der geeinten Arbeiterschaft und dem Unternehmertum. In dieser Tatsache liegt die klare Anerkennung der Angestelltenschaft als selbständige soziale Schicht, die mit Arbeiter- und Unternehmertum in der Deutschen Arbeitsfront hauptsächlich zur Überwindung des Klassenkampfes zusammengeschlossen ist.“

Damit die deutschen Angestellten auch weiterhin eine „tragende Säule“ der DAF blieben, fordert Oeckl ihre verbesserte Versorgung mit Wohnraum. Hinsichtlich ihrer identitätsstiftenden Wirkung und ihrer Immunisierung gegen klassenkämpferische Ideen scheint ihm die Eigenheimförderung allen anderen Wohnungsbaumaßnahmen überlegen: „Die Überwindung der Heimatlosigkeit und damit der Ruhe- und Rastlosigkeit des Großstadtarbeiters, ... die Förderung der beruflichen Leistungsfähigkeit, ... die Einbürgerung eines wirklich sozialen Friedens statt bisheriger Massen- und Klassenverhetzung ... und eine tiefe, echte, volksverbindende Vaterlandsliebe, das sind die ganz großen Gesichtspunkte, die ... eine solche Überlegenheit des Eigenheims gegenüber der Mietwohnung im Großblock ergeben, daß einzelne wenige Nachteile gar nicht mehr ins Gewicht fallen ...“

Der gute Patriot Albert Oeckl, der die für die deutschen Angestellten gewünschte Bewußtseinsstufe bereits erreicht hatte, denkt natürlich auch unter kriegswirtschaftlichen Prämissen: „Nicht zu unterschätzen ist auch die militärische Bedeutung des Flachbaues: Hinsichtlich der Militärtauglichkeit ist die Überlegenheit des flachen Landes ... unbestritten. Neben diesem Nachteil der Großstadt mit ihren Mietskasernen stehen aber noch weitere Schattenseiten: die Schwierigkeit der Lebensmittelversorgung in Kriegszeiten und bei Hungerblockaden, die durch einen kleinen Garten erheblich herabgemindert wird, die leicht erreichbare Verhetzung großer Bevölkerungsmassen, besonders wenn diese eng zusammengepfercht sind und gemeinsam Unangenehmes ertragen müssen, vor allem aber die ständig wachsende Gefahr der Luftangriffe. Unser Vaterland als Herzstück Europas ... kann natürlich ohne eigene Bewaffnung diese Gefahr niemals ganz abwenden, aber bei richtiger verstreuter Bauweise, vernünftiger Anlage der Dachböden, Erstellung von Luftschutzkellern und ähnlicher Maßnahmen ist es möglich, das drohende Unheil auf ein Minimum zu reduzieren.“

Das Jahr 1936 brachte einen Wandel in Oeckls beruflichem Werdegang; er entdeckte sein Herz für die chemische Industrie. Mitte Januar besuchte er den Chef der IG Farben-Zentrale in Berlin, Max Ilgner, und bat ihn um eine Anstellung. Ilgner war nicht abgeneigt; er schlug Oeckl jedoch vor, zuerst die ihm fehlende kaufmännische Ausbildung nachzuholen. Sechs Wochen später, bei einem Treffen in München, war davon keine Rede mehr; am 27. Februar 1936 ließ Ilgner mitteilen, daß Oeckl sich am 2. März um 10.00 Uhr in der Berliner IG-Zentrale „für eine Tätigkeit hier im Hause“ einfinden solle.

Die IG Farben-Zentrale Berlin NW 7 wird in der antifaschistischen Literatur gerne als „Spionagezentrale“ bezeichnet - aus gutem Grund. Neben der Pressestelle und der Direktionsabteilung waren hier die Abteilungen untergebracht, die den gesamten Konzern mit strategischen Informationen versorgten. Da die IG Farben zu den Hauptförderern und -nutznießern des NS-Regimes zählte, arbeiteten diese Abteilungen eng mit Staats-, Partei- und Wehrmachtsstellen zusammen.

Die Volkswirtschaftliche Abteilung (VOWI) und die Wirtschaftspolitische Abteilung (WIPO) sammelten Daten über diejenigen Staaten, in denen die IG geschäftliche Interessen ver­folgte (Auslandsniederlassungen, Beteiligungen, Tarnfirmen). Dabei wurde mitnichten nur die jeweilige chemische Industrie betrachtet; ebenso wurden allgemeine Untersuchungen über Produktions- und Infrastruktur der betreffenden Länder angestellt. Das auf diese Weise gewonnene statistische Material diente später als Grundlage für den faschistischen Raubzug in Europa und als Entscheidungshilfe bei gezielten Zerstörungsmaßnahmen.

Auf Überlegungen der Zentralfinanzverwaltung (ZEFI) ist ein weit gespanntes Netz sog. Verbindungsmänner zurückzuführen, das ebenfalls alle Staaten umfaßte, die für den Konzern interessant waren. Diese Verbindungsmänner waren IG-Angehörige oder Mitarbeiter befreundeter Unternehmen, die regelmäßig über die politische, soziale und ökonomische Situation der Länder, in denen sie stationiert waren, berichteten. Für das OKW Amt Aus­land/Abwehr und die Auslandsorganisation der NSDAP hatten diese Berichte unschätzbare Vorteile; sie kamen aus unverdächtiger Quelle, waren überaus präzise und ermöglichten somit die Freistellung der eigenen Mitarbeiter für andere Aufgaben.

Bei der Vermittlungsstelle W landeten die Vorgänge, die in irgendeiner Form sowohl die Interessen der IG als auch die der Wehrmacht berührten. Ende 1935 waren die Aufgaben dieser Abteilung folgendermaßen definiert worden: „Ziel ... ist der Aufbau einer straffen wehrwirtschaftlichen I.G.-Organisation ... Die I.G. wird im Kriegsfalle den wehrwirtschaftlichen Behörden als ein großes Lieferwerk gegenüberstehen, das seine wehrwirtschaftlichen Belange ... aus sich selbst ohne organisatorischen Eingriff von außen her regelt. (...) Das Arbeitsgebiet der Vermittlungsstelle umfaßt neben den organisatorischen Vorarbeiten und Planungen ... die laufende Zusammenarbeit in wehrwirtschaftlichen und wehrtechnischen Fragen mit den Reichsbehören und mit den I.G.-Betrieben.“

In Berlin verstand man aber nicht nur etwas von Spionage, sondern auch von Public Relations. 1933 hatte Max Ilgner den ehemaligen PR-Berater John D. Rockefellers und Gründervater der US-amerikanischen PR-Schule, Ivy Ledbetter Lee, engagiert, um in den USA für die IG Farben und Nazi-Deutschland zu werben. Lee traf Hitler und Goebbels, gab deutschen Regierungsstellen Ratschläge zur Verbesserung ihrer Pressearbeit und verbreitete große Mengen deutscher Literatur - darunter auch antisemitische Hetzschriften - in den USA.

Offensichtlich hielt Ilgner Oeckl mit dessen Erfahrungen aus dem Propagandaministerium auch ohne kaufmännische Ausbildung für ein PR-Talent; er stellte ihn dem Leiter der Presse- und Nachrichtenstelle, Mario Passarge, als persönlichen Assistenten zur Seite. An seinem neuen Arbeitsplatz bemühte sich Oeckl sogleich um die Entwicklung einer eigenständigen und kreativen Pressearbeit, was von seinem Chef wohlwollend registriert wurde: „Nach einer Periode der Unsicherheit, deren Schattenlinien allerdings noch oft genug sichtbar werden, drückt sich in der Presse bei aufmerksamer Beobachtung auch auf dem uns interessierenden Gebiet immer deutlicher ein Wachsen des geistigen Lebens aus, das für die Überwindung eines gewissen Tiefpunktes Zeugnis ablegt. Der deutschen Zeitung ist heute mit aller Deutlichkeit etwas wie eine bewußte Volksführung übertragen worden, der gerecht zu werden, sie sich in ihrem eigenen Interesse lebhaft bemüht. (...) Man kann ohne weiteres feststellen, daß im Rahmen der autoritären Volksführung die Zeitung mit ihrem Nachrichten- und Aufklärungsdienst bis zu einem gewissen Grade sogar an die Stelle der alten Parlamente getreten ist .... Man erkennt daraus die Bedeutung des Zeitungs- und Nachrichtenwesens auch für die deutsche Wirtschaft sowie für alle Bevölkerungskreise, die, wollen sie sich nicht selbst aus dem Tagesablauf ausschalten, Zeitungsleser oder zum mindesten Rundfunkhörer sein müssen. So wie die Staatsführung im Großen gesehen durch die Presse die Verbindung mit dem Volke immer wieder sucht und findet, wird auch die I.G. über ihre Presseabteilung laufend mit aller Öffentlichkeit in Verbindung gehalten. Ohne in den Fehler der Statistik zu verfallen, möchte die Presseabteilung aus dem sehr starken Anwachsen ihres schriftlichen und mündlichen Verkehrs mit den Zeitungen ableiten dürfen, daß sie sich in diese sehr wichtige Phase der Entwicklung wirkungsvoll eingeschaltet hat. Die Presseabteilung hält es für ihre erste organisatorische Pflicht, ... über alle Phasen dieser Entwicklung orientiert zu sein. Sie will auf jede auftauchende Frage sich selbst und sonstigen Interessenten unserer Firma Auskunft geben können. Diese Arbeit gehört zu jenen unsichtbaren täglichen Leistungen, die von der Presseabteilung laufend vollbracht werden müssen, um dann schlagfertig zu sein, wenn es nötig ist. Die Abberufung in den Militärdienst des Herrn Dr. Oeckl hat auf diesem Gebiet eine Lücke geschaffen, die nur durch zusätzliche Arbeit der anderen Kameraden ausgefüllt werden kann.“

Im März 1938 wechselte Oeckl zur Direktionsabteilung der IG Farben, in deren Auftrag er bereits während der Olympiade 1936 Besucher betreut hatte. Die Direktionsabteilung war die eigentliche PR-Abteilung des Konzerns; hier liefen die Fäden der externen und internen Kommunikation zusammen. Geleitet wurde die Direktionsabteilung von Ulrich Kersten und Felix Prentzel, die die Arbeit von zwei ihnen unterstellten Referaten überwachten. Referat I unter Fritz Rüdiger sorgte in erster Linie dafür, daß Vorstand und Direktoren über alle für sie wesentlichen Geschäftsvorgänge informiert wurden; hier war auch die Codestelle untergebracht, in der die chiffrierten Telegramme der IG-Verbindungsmänner entschlüsselt wurden. Im Referat II unter Ernst Hackemann pflegte man vor allem die Beziehungen zu Persönlichkeiten, die für die IG Farben von Interesse waren; alle Spenden des Konzerns an NSDAP-Gliederungen, staatliche und halbstaatliche Organisationen erfolgten erst nach Rücksprache mit Referat II. Die Trennung zwischen externer und interner Kommunikation wurde jedoch nicht strikt durchgehalten; Referat I betrieb mit der Herausgabe des Geschäftsberichts klassische Öffentlichkeitsarbeit, und Referat II versandte interne Rundschreiben. Oeckl verkörpert gleichsam die Überschneidung von Kompetenz- und Zuständigkeitsbereichen; er arbeitete für beide Referate.

Zu Beginn seiner Tätigkeit für die Direktionsabteilung organisierte Oeckl im Auftrag von Referat II etliche Werkbesuche, bei denen die IG Farben relevanten Persönlichkeiten die Möglichkeit offerierte, ihre technischen und sozialen Errungenschaften zu bewundern. Oeckl bemühte sich in diesem Zusammenhang unter anderem um den Vertreter des Werberats der Deutschen Wirtschaft und Wirtschaftsberater der NSDAP/AO für Uruguay, Klein, sowie drei persönliche Gäste des Reichsjugendführers Baldur von Schirach aus den USA. Bei der Durchführung von Werksbesuchen wurde immer gemäß eines Schemas vorgegangen: Nachdem Besuchswünsche an die Direktionsabteilung herangetragen bzw. Besucher durch die Geschäftsleitung avisiert worden waren, wurde beim Reichswirtschaftsministerium und beim Propagandaministerium (im Falle ausländischer Besucher auch beim Auswärtigen Amt) nachgefragt, ob prinzipielle Einwände gegen den Besuch eines bestimmten Werkes beständen. Über die Vermittlungsstelle W wurde man bei der Wehrmacht und dem Reichsluftfahrtministerium vorstellig. Gegebenenfalls nahm man Änderungen des Besuchsplans vor. Im nächsten Schritt wurde dann der Besuch mit der jeweiligen Werksleitung in allen Einzelheiten - von den Transportmodalitäten bis zum Blumen- oder Flaggenschmuck beim Mittagstisch - abgestimmt.

Ein weiterer Arbeitsschwerpunkt Oeckls in seinem ersten Jahr bei der Direktionsabteilung war die Organisation der Kieler Woche. Das Segelsportereignis in der Kieler Förde (18. bis 26.6.1938) wurde von der IG Farben dazu genutzt, „... um in einem privaten Rahmen mit führenden Wirtschaftlern aus den nord- und westeuropäischen Ländern in Gedankenaustausch über die wichtigen Probleme der Außenwirtschaft zu treten und dabei vor allem ein besseres Verständnis für die deutschen Wirtschaftsmaßnahmen zu wecken.“ Das Vorhaben stieß sowohl bei staatlichen Stellen als auch bei Konzernen auf ungeteilte Zustimmung. An der Vorbereitung der Kieler Woche beteiligten sich Gustav Schlotterer vom Reichswirtschaftsministerium, Reichsbankpräsident Hjalmar Schacht, Helmuth Wohlthat aus Görings Vierjahresplan-Behörde und Ernst von Weizsäcker (Auswärtiges Amt) sowie Vertreter von Handel und Schiffahrt, Kali-Syndikat, Siemens, Stahlverein und Dresdner Bank (Carl Lüer). Schirmherr der Veranstaltung war Herzog Adolf Friedrich zu Mecklenburg, Präsident des Deutschen Ausland-Clubs, der die ausländischen Gäste auf Görings Hamburger Staatsyacht empfing.

Oeckl bereitete für einen Teil der französischen Gästegruppe einen Besuch der Filmfabrik Wolfen vor und organisierte die Reise des ehemaligen rumänischen Ministers und Direktors der Handelsakademie Bukarest, Dr. Ion Raducanu. Während der Großveranstaltung selbst fungierte Oeckl als „Verbindungsmann zu Kiel“. Er berichtete detailliert über den letzten Stand der begleitenden Vorbereitungen (Druck der Veranstaltungsprogramme, Einladungskarten und Tischordnungen) und die Ankunftszeiten der Gäste. Er forderte Informationen an bezüglich der Unterbringung des IG-Vorstandsmitglieds Georg v. Schnitzler und einzelner Gäste, um diese seinerseits informieren zu können, und leitete Nachrichten an in Kiel weilende IG-Manager (Jost Terhaar u.a.) weiter.

Zur Kieler Woche kamen jedoch nicht nur Gäste aus den nord- und westeuropäischen Staaten, sondern auch Besucher aus Osteuropa. Einer von ihnen, der rumänische Industrielle und Großgrundbesitzer Ion Manoilescu-Strunga, wurde in der Folgezeit von Oeckl regelrecht hofiert. Manoilescu-Strunga entwickelte sich zu einer sprudelnden Informationsquelle für die IG Farben; durch ihn war man in der Berliner Konzernzentrale immer über aktuelle politische und ökonomische Entwicklungen in Rumänien informiert. Gleichzeitig konnte man die von Manoilescu-Strunga herausgegebene Wirtschaftszeitung „Excelsior“ zur Selbstdarstellung nutzen. Bei seinen von Oeckl vermittelten Kontakten zum IG-Konzern verfolgte Manoilescu-Strunga natürlich auch seine eigenen Interessen. Als Inhaber der Oficiul Tehnic Roman S.A., die Maschinen und technische Geräte nach Rumänien importierte, wollte er durch die Lieferung von Anlagen der IG Farben an das rumänische Unternehmen Nitrogen kräftig verdienen. In Deutschland zeigte man sich jedoch, was den gewünschten Technologietransfer anging, sehr zurückhaltend; am 11. Juli 1939 informierte Oeckl den IG-Direktor Kurt Krüger darüber, daß der Generaldirektor der Nitrogen, Miclescu, „... lieber ein 'Nein', als auf längere Sicht gar keinen Bescheid (erhalte)“.

Mit dem deutschen Überfall auf Polen am 1. September 1939 erhielt die IG Farben nach der Übernahme österreichischer und tschechischer Chemiebetriebe die Möglichkeit zu weiteren Raubzügen; Oeckl brachte der Zweite Weltkrieg einen zweiten Dienstherrn und die Ausweitung seines Kompetenzbereichs: Er arbeitete fortan sowohl für den faschistischen Auslandsgeheimdienst, das Amt Ausland/Abwehr beim Oberkommando der Wehrmacht, als auch für die Direktionsabteilung.

Ende Oktober 1939 war Oeckl als letzter leitender Angestellter in der mittlerweile von IG-Justitiar Hanns Gierlichs beaufsichtigten Direktionsabteilung tätig; seine alten Kollegen waren beim Militär oder arbeiteten wie Felix Prentzel an der Übernahme der erbeuteten polnischen Farbenfabriken durch den IG-Konzern. In dieser Situation konnte es schon einmal vorkommen, daß Oeckl die IG Farben bei hochkarätigen Konferenzen vertreten mußte. So geschehen am 7. November 1939: Als Vertreter der IG Farben beteiligte er sich an einer Besprechung des Technisch-Wirtschaftlichen Beratungsdienstes (TWB) beim Reichskuratorium für Wirtschaftlichkeit. Der TWB hatte staatliche Stellen und diejenigen Konzerne, die zuvor für ihn gespendet hatten, an einen Tisch gebeten. Mit dabei: Vertreter von Siemens, AEG und Demag AG sowie - von staatlicher Seite - der Vorsitzende des Ausschusses für die Übersetzung deutscher Normen und Lieferbedingungen (AFÜ), Rusch, und der Leiter der NSDAP/AO, Ernst Wilhelm Bohle. Ziel des TWB war der Aufbau eines Agentennetzes in den skandinavischen und südosteuropäischen Staaten, wobei die Förderung deutscher Exporte in diese Länder im Vordergrund stand. „Funktion dieser hauptamtlichen Mitarbeiter wäre es, als technischer Verbindungsmann zur Wirtschaft des betreffenden Landes zu wirken, als Vertreter des AFÜ Einfluß auf die Normengestaltung des dortigen Normenausschusses zu gewinnen, (die sich bei der Vergebung von Bestellungen dann automatisch zu Gunsten Deutschlands auswirken würde), ferner evtl. Einladungen deutscher Firmen als neutrale Stelle zu übermitteln und hierfür geeignete Industrieführer auszuwählen; außerdem Vorschläge geeigneter Stipendiaten an den TWB zu machen und schließlich als Verbindungsmann zwischen der deutschen diplomatischen Vertretung, der dortigen deutschen Handelskammer und evtl. sonst dort vertretenen Organisationen und Stellen in allen technischen und wirtschaftlichen Fragen zu wirken“, schrieb Oeckl in seinem Konferenzbericht. Die IG Farben sei in dem genannten Zusammenhang für Rumänien zuständig, da sie dort „... große Geschäfte mache und über hervorragende Verbindungen verfüge ...“.

Worin Oeckls Geheimdiensttätigkeit während des Jahres 1939 genau bestand, konnte bisher nicht geklärt werden; augenscheinlich vertrug sie sich jedoch gut mit den Aufgaben, die ihm die IG Farben anvertraute. Bei näherem Hinsehen scheint beides ohnehin nicht sehr weit auseinander zu liegen, denn auch der IG-Konzern gab ihm geheimdienstliche Aufträge: Am 1. Dezember brach Oeckl zu einer Reise nach Genua auf, wo er zwei Tage später mit dem IG-Verbindungsmann Pickhardt zusammentraf. Er übergab ihm 30 Schriftstücke und andere Materialien, die dieser an Adressaten in den USA weiterleiten sollte. Darunter befanden sich Briefe an Carl B. Peters von der Advance Solvents & Chemical Co. und an die Agfa Ansco Co., beides US-Filialen der IG Farben. Weitere Schreiben gingen an Firmen, mit denen die IG enge Geschäftsbeziehungen pflegte, wie die Standard Oil of New Jersey, die National City Bank of New York und die Sterling Products Inc. (William E. Weiss). Briefe erhielten auch die Winthrop Chemical Co., an der die IG zu 50 Prozent beteiligt war, die Spionagezentrale der IG in den USA, Chemnyco Inc., und der Sohn des ehemaligen IG-Aufsichtsratsvorsitzenden Carl Duisberg, Walter Duisberg, der sich Anfang 1940 an der Tarnung des IG-Auslandsvermögens in Lateinamerika beteiligte und dem in seiner Eigenschaft als amerikanischem Staatsbürger etwa 200 Patente der IG in den USA übertragen wurden, um der Beschlagnahmung durch die amerikanischen Behörden zu entgehen.

Kurz nach seiner Rückkehr aus Genua wurde Oeckl zu einer „Baulehrkompanie in Brandenburg/Havel mit Abkommandierung zum OKW“ eingezogen. Bei dieser „Baulehrkompanie“ handelte es sich um die auf Sabotage- und Zersetzungstätigkeiten spezialisierte Sonderformation „zur besonderen Verwendung 800“, die der Abteilung II der Abwehr unterstellt war. In den Jahren 1940 und 1941 führte Oeckl als Sonderführer bzw. Feldwebel zwei „Sonderaufträge“ für diese Abteilung im besetzten Frankreich durch. Mit welchen geheimdienstlichen Aufgaben er hierbei im einzelnen betraut war, ließ sich bisher nicht eruieren; es entbehrt jedoch nicht einer gewissen Ironie, daß Oeckl, der bei der Auflistung seiner Orden und Auszeichnungen nie das ihm 1979 von der Deutschen Verkehrswacht verliehene Goldene Lorbeerblatt für 50 Jahre unfallfreies Fahren vergißt, bei einem seiner Auslandseinsätze mehrere schwere Autounfälle hatte.

Sofern Oeckl, über den die Abwehr in direktem Kontakt zu Ilgner stand, sich in Berlin aufhielt und dienstfrei hatte, arbeitete er weiter für die IG Farben. Meist bestand seine Aufgabe darin, Auszüge aus den Sitzungsprotokollen zentraler IG-Gremien anzufertigen und diese an die Führungsspitze der Berliner Zentrale weiterzuleiten. Der folgende Protokollauszug zeigt, daß Oeckl Mitwisser der von der IG Farben betriebenen Ausbeutungs- und Vernichtungspolitik war: „Dr. Ambros gibt Aufschluß über die voraussichtliche Fertigstellung der einzelnen Produktionsstufen in den Buna-Werken Schkopau und Hüls und berichtet über die vom Reich geforderte Errichtung eines dritten Buna-Werkes in Ludwigshafen und eines weiteren Werkes im Osten.“ Das für seine Verdienste um die faschistische Kriegsproduktion von Hitler mit dem Ritterkreuz ausgezeichnete Vorstandsmitglied Otto Ambros war bei der IG Farben für die Produktion von Giftgas und die Rekrutierung von Zwangsarbeitern zuständig. Er leitete den Aufbau des IG-eigenen KZ-Außenlagers Auschwitz-Monowitz, das hier als noch zu errichtendes „Werk im Osten“ bezeichnet wird.

Im Sommer 1941 endete Oeckls Karriere bei der IG Farben; er wechselte zum Reichsamt für Wirtschaftsausbau. Sein guter Draht zur chemischen Industrie, der ihm nach 1945 den Aufstieg zum bundesdeutschen PR-Papst ermöglichte, riß dadurch jedoch nicht ab: Chef des Reichsamtes war der IG-Aufsichtsratsvorsitzende Carl Krauch, gleichzeitig Görings Bevollmächtigter für Sonderfragen der chemischen Erzeugung innerhalb des Vierjahresplans und damit Kopf der chemischen Kriegsproduktion. Oft wurde zwischen den - auch über das Personal - eng miteinander verflochtenen Organisationen des Generalbevollmächtigten und des Reichsamtes gar kein Unterschied mehr gemacht; man sprach schlicht vom „Amt Krauch“. Welchen Tätigkeiten Oeckl hier im einzelnen nachging, bleibt genau wie die Aufklärung über seine Karriere als Wehrmacht-Spion weiteren Untersuchungen vorbehalten.

Franz Ronneberger

Ähnlich wie sein Pendant Albert Oeckl mußte sich auch der junge Franz Karl Konrad Ronneberger um seine schulische Ausbildung keine Sorgen machen; er entstammte einem gutbürgerlichen Elternhaus. Sein 1915 an der Ostfront gefallener Vater hatte eine Fabrik im thüringischen Auma besessen, nach Kriegsende heiratete seine Mutter den Steuerobersekretär Robert Press.

Gleich nach seinem mit „sehr gut“ bestandenen Abitur im Jahre 1932 verließ der Neunzehnjährige seine Heimat, um als Stipendiat der Studienstiftung des Deutschen Volkes in Kiel Jura zu studieren. Die Aktionen des aggressiv auftretenden NSD-Studentenbundes unter Leitung von Paul Karl Schmidt begeisterten Ronneberger und brachten ihn dazu, sich der braunen Truppe anzuschließen; sein politisches Engagement während der sog. Kampfzeit wurde nach der Machtübertragung an die Nationalsozialisten mit dem Silbernen Ehrenzeichen der faschistischen Studentenorganisation belohnt.

Neben juristischen Fragen begann Ronneberger, sich zunehmend für „Volkstumspolitik“, d.h. für die politische Durchsetzung einer antisemitisch-rassistisch begründeten Staats- und Staatenordnung in einem Europa unter deutscher Führung, zu interessieren. Bezog sich dieses Interesse zu Anfang seines Studiums noch auf die Revision der schleswig-holsteinischen Nordgrenze, so glaubte er, nachdem er einige NS-Schulungen absolviert hatte, „... zu erkennen, daß in der Zusammenarbeit Deutschlands mit den Ost- und Südostländern eine große Zukunftsmöglichkeit liege.“

Dieser Einsicht folgend verlegte Ronneberger 1934 den Ort seines wissenschaftlichen und politischen Wirkens nach München, wo 1930 unter Federführung der bayerischen Landesregierung und des Reichsinnenministeriums das Südost-Institut (SOI) „zur Erforschung der Grundlagen des Volkstums und der Kultur im südlichen und südöstlichen Teil des deutschen Sprachgebiets“ gegründet worden war. Er avancierte zum Leiter des Münchner Außenamtes der Gaustudentenführung und wurde mit der „Zusammenfassung und Lenkung des gesamten politischen und wissenschaftlichen Einsatzes der deutschen Studentenschaft in Südosteuropa“ betraut.

1935, nachdem Ronneberger sein erstes juristisches Staatsexamen absolviert hatte, konnte er sich ganz seinen „volkstumspolitischen“ Forschungen widmen; er begann, für das SOI zu arbeiten, wo er in Fritz Valjavec einen völkischen Mitstreiter fand. Ein Jahr später wurde Ronneberger mit seiner Arbeit „Die ordnende Kraft der völkischen Idee im Donauraum“ zum Gausieger des 1. Reichsberufswettkampfes der Studenten gekürt.

Am 11. Mai 1938 nahm Ronneberger eine weitere Hürde auf dem Weg zur Anerkennung als Südosteuropa-Experte; vor dem Promotionsausschuß der Universität München verteidigte er erfolgreich seine Dissertation „Südosteuropa im politischen Ordnungsbild Bismarcks“, die drei Jahre später unter dem Titel „Bismarck und Südosteuropa“, mit einem lobenden Vorwort Valjavecs versehen, erscheinen sollte. Als überzeugter Nazi - Ronneberger war mittlerweile auch der SA und der NSDAP beigetreten - bemühte er sich, die Außenpolitik des Blut-und-Eisen-Kanzlers als Vorwegnahme völkischer Großraumpolitik darzustellen: „(Bismarcks) Politik trug einen ausgesprochenen Kampfcharakter - sie war Machtpolitik im eigentlichen Sinn. (...) Immer war es die Sicherheit des Lebensraumes des deutschen Volkes, die im Vordergrund der Politik stand.“ Damals wie heute habe sich Deutschland finsteren Feinden gegenübergesehen, die es vernichten wollten. Dies habe Bismarck klar erkannt und mit folgenden Worten zum Ausdruck gebracht: „Wir wollen nicht das Polentum ausrotten, sondern wir wollen das Deutschtum davor schützen, seinerseits ausgerottet zu werden.“ Ebenso klar habe Bismarck die naturgegebene Notwendigkeit einer Vormachtstellung Deutschlands im südosteuropäischen Raum gesehen, weil „... dem Slawentum eine eigene staatsbildende Kraft man­gele, (so) daß erst die Verschmelzung mit dem Germanentum eine fruchtbare Gestaltung ermögliche.“

Im gleichen Jahr wurde Ronneberger zum Leiter der Deutschen Akademischen Auslandsstelle in München ernannt. Seine Aufgabe bestand in der Betreuung ausländischer Studenten, wozu auch die Propaganda für die „Errungenschaften“ des NS-Regimes zählte: „Ich habe ... die Gelegenheit gehabt, mit einer ausländischen Studentengruppe das KZ Dachau zu besuchen. Dort sahen wir lediglich sogenannte Arbeitsverweigerer und sogenannte Gewohnheitsverbrecher. Es wurde uns versichert, daß keine politischen Häftlinge im Lager seien. Ich hatte keinen Anlaß, an diesen Angaben zu zweifeln. Die Unterbringung der Häftlinge, die hygienischen Verhältnisse und die Arbeitsbedingungen der Häftlinge überzeugten die ausländischen Studenten und mich, daß die Verhältnisse in diesem KZ den humanitären Grundsätzen nicht widersprachen.“

Das Jahr 1938 markiert auch den Beginn von Ronnebergers publizistischem Wirken. In der Novemberausgabe der Zeitschrift „Geist der Zeit“, dem Organ des Deutschen Akademischen Austauschdienstes, erschien sein erster Aufsatz über Südosteuropa, in dem er den rassistischen Volks- und Staatsgedanken der Nazis gegen die Ideale der französischen Revolution mit dem Argument verteidigt, daß diese den südosteuropäischen Völkern „wesensfremd“ seien. Bis 1945 sollte er mehr als 80 Artikel diesen Tenors in deutschsprachigen Zeitungen und Zeitschriften veröffentlichen, darunter die Illustrierte des SS-Offiziers und Großraumtheoretikers Giselher Wirsing, „Das 20. Jahrhundert“, die von seinem ehemaligen Kieler Studentenführer Paul Karl Schmidt herausgegebene Gazette des Auswärtigen Amtes „Berlin-Rom-Tokio“, die „Zeitschrift für Politik“ von Franz Alfred Six, der als Leiter der SS-Einsatzgruppe „Vorkommando Moskau“ in der Sowjetunion Juden und Zivilisten ermordete, sowie das von anderen SS-Intellektuellen wie dem Organisator des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA) und späteren Reichskommissar in Dänemark, Werner Best, ins Leben gerufene Verwaltungsorgan „Reich - Volksordnung - Lebensraum“. Ab Mitte 1943 war Ronneberger Mitherausgeber des antisemitisch-rassistischen Wissenschaftsblattes „Volkstum im Südosten“.

Bald wurde man an höherer Stelle auf den umtriebigen Studentenfunktionär und „Ostforscher“ Ronneberger aufmerksam. Im März 1939 holte ihn SS-Obergruppenführer Arthur Seyß-Inquart, Reichsstatthalter für das Deutschland einverleibte Österreich („Ostmark“), in seinen persönlichen Stab nach Wien. Ronneberger wurde mit dem „Aufbau einer Dienststelle zur Erforschung des Pressewesens in Südosteuropa und der laufenden Presse- und politischen Berichterstattung“ beauftragt.

Nicht zuletzt durch das von ihm in den südosteuropäischen Ländern geschaffene Agentennetz arbeitete seine „Dienststelle“ so erfolgreich, daß sie 1940 unter der Bezeichnung „Korrespondenzstelle Wien“ vom Auswärtigen Amt übernommen wurde. Die hier erstellten Berichte und Presseschauen gingen an etwa 100 regelmäßige Bezieher, unter ihnen die von Baldur von Schirach geführte Reichsstatthalterei Wien, zu deren Pressereferenten Günter Kaufmann Ronneberger sehr gute Kontakte pflegte, das Amt Ausland/Abwehr und das RSHA. Gleichzeitig führte man eine Personen- und Organisationskartei und übersetzte auf Anfrage Artikel für die genannten NS-Institutionen. Bei Bedarf wurden auch dezidierte Analysen zu Themen wie „Wandlung des Charakters einer Zeitung“ oder „Größe und Entwicklung einer völkischen Minderheit“ erstellt.

Ebenfalls 1940 erhielt Ronneberger einen Lehrauftrag im Rahmen der „Südost-Stiftung des Mitteleuropäischen Wirtschaftstages Berlin zur Heranbildung junger Kaufleute für Südosteuropa“ an der Hochschule für Welthandel in Wien. Das Projekt des Mitteleuropäischen Wirtschaftstages (MWT), dem Hess, Himmler, Frick, Göring, Funk, Ribbentrop und Neurath „besondere Förderung“ zugesagt hatten, sollte seine Teilnehmer befähigen, „... im Wirtschaftsleben Südosteuropas erfolgreich zu arbeiten und im Rahmen der kommenden europäischen Großraumwirtschaft zur Festigung und Ausweitung der wechselseitigen Wirtschaftsbeziehungen entscheidend mitzuwirken.“ Ronneberger gab fortan meist eine allgemeine „Einführung in die politischen und sozialen Probleme Südosteuropas“, deren Kernaussagen er in einer Schulungsbroschüre des NSD-Studentenbundes niederlegte: „Südosteuropa ist kein Gebiet, das die Voraussetzungen einer eigenen, in sich geschlossenen Ordnung in sich birgt, sondern dessen ganze Stärke und Bedeutung in der Ergänzung einer größeren, durch das deutsche Reich stabilisierten Ordnung liegt. (...) Infolge der jahrhundertelangen Überfremdung konnte sich eine arteigene Mittelschicht noch nicht herausbilden. In dieses Vakuum sind andere Völker vorgestoßen, vor allem das Judentum. In der politischen Führung macht sich das Fehlen arteigener Erziehung besonders augenfällig bemerkbar. (...) Solange die Südoststaaten sich ... in das ihnen fremde machtpolitische und geistige System der europäischen Westdemokratien einbezogen und sich gegen die natürlichen Beziehungen zu ihren Großmächte-Nachbarn verschlossen, konnte eine wahrhaft eigenständige Entwicklung nicht Platz greifen. (...) In der Ausmerzung dieser Fehlentwicklung und der ihr verfallenen Menschen liegt eine der wesentlichsten Zukunftsaufgaben der Südoststaaten, nachdem sich eine natürliche Machtordnung durchgesetzt hat.“

1941 verstärkte Ronneberger seine Bindungen an die Nazi-Partei weiter: Als „wissenschaftlicher und diplomatischer Mitarbeiter“ des Völkischen Beobachters veröffentlichte Ronneberger Artikel, in denen er die „Ausmerzung des Judentums aus dem Volkskörper“ forderte, die „Judenaussiedlung“ in der Slowakei bejubelte oder den „Abwehrkampf gegen den Bolschewismus“ in den faschistischen südosteuropäischen Staaten feierte. Für die „Parteiamtliche Prüfungskommission zum Schutze des NS-Schrifttums“ unter Reichsleiter Philipp Bouhler prüfte Ronneberger Schriften über Südosteuropa in bezug auf ihre faschistische Ausrichtung, ohne die ein Erscheinen selbstredend nicht möglich war.

Im gleichen Jahr stieß Ronneberger mit seiner Pressediensstelle zur Südosteuropa-Gesellschaft (SOEG). Dieser gemeinnützige Verein unter Schirmherrschaft von Reichswirtschaftsminister und Reichsbankpräsident Walther Funk, dessen Gliederung sich wie ein Who is who der Nazi-Nomenklatura liest, war 1940 in Konkurrenz zum von der Schwer- und Chemieindustrie dominierten Mitteleuropäischen Wirtschaftstag gegründet worden. Wie beim MWT und dem Südostausschuß der Reichsgruppe Industrie hatte man sich die ökonomische Durchdringung der südosteuropäischen Länder zur Aufgabe gemacht. Die SOEG organisierte die Ausbeutung von kriegswichtigen Rohstoffen in den befreundeten faschistischen Staaten und den besetzten Gebieten Griechenlands und Jugoslawiens, unterstützte einzelne Unternehmen bei ihren „Arisierungsbemühungen“, plante „Arbeitseinsätze“ und lieferte der Wehrmachtsführung besonders präzise Landkarten. Kurz vor ihrer Auflösung gegen Kriegsende half die SOEG faschistischen Politikern aus südosteuropäischen Staaten beim Untertauchen. Als Chef des internen Nachrichtendienstes der Gesellschaft verfaßte Ronneberger die „Vertrauliche(n) Wirtschaftsnachrichten“ (VWN) der SOEG. Er leitete sie nicht nur an die üblichen Zielgruppen, wie das RSHA, sondern auch an deutsche Unternehmen weiter. Die VWN waren wahrscheinlich das erfolgreichste Projekt der SOEG; sie trugen ihr bei Konzernen und Behörden das Image einer hochqualifizierten, selbstlosen Dienstleistungsagentur ein.

Bald hatte Ronneberger noch mehr Grund, auf sich stolz zu sein; nach dreijähriger Wartezeit wurde er 1942 in die SS aufgenommen. Er erhielt sofort den Rang eines Untersturmführers, was dem eines Leutnants der Wehrmacht entsprach. Spätestens ab diesem Zeitpunkt arbeitete der „Ostforscher“ neben all seinen anderen Tätigkeiten auch für die Wiener Dienststelle des SD im Referat VI (Auslandsaufklärung).

Am 12. Dezember 1941 war im Wiener Palais Schönborn die Union Nationaler Journalisten­verbände (UNJ) gegründet worden. Den Zweck der Einrichtung erklärte ihr Präsident, SA-Obergruppenführer Wilhelm Weiß, wie folgt: „Unseren revolutionären Journalismus trennt eine Welt von dem Ungeist, der sich in den jüdischen Demokratien der Presse bemächtigt hat. Der Krieg, in dem wir stehen, ist ein totaler Krieg; er beschränkt sich nicht nur auf den Kampf der Waffen ..., sondern er wird ebenso ausgetragen auf den Schlachtfeldern des Geistes und der Ideen. (...) Wir wollen die Ehre und die Würde des journalistischen Berufs international zur Geltung bringen und dafür sorgen, daß der Grundsatz der Sauberkeit und Anständigkeit in der Presse Allgemeingut einer neuen journalistischen Generation wird.“ Zu dieser „neuen journalistischen Generation“ gehörte auch Franz Ronneberger, seit der Gründung einer der wissenschaftlichen Leiter des „Institut(s) zur Erforschung und Förderung des internationalen Pressewesens“, das der UNJ angegliedert war.

Sein Aufsatz „Der Anteil der Presse an der Vorbereitung des Belgrader Putsches 1941“, den er den Teilnehmern eines Kongresses im Juni 1943 übergab, wurde von Seiten des Präsidiums ganz besonders gelobt: „Die Verantwortungslosigkeit der einerseits plutokratisch und andererseits kommunistisch beeinflußten Presse gegenüber dem eigenen Volke und damit gegenüber Europa, eine Verantwortungslosigkeit, die gemeinhin von ihr selbst als „Pressefreiheit“ bezeichnet wird, ist in der Ausarbeitung Dr. Ronnebergers ... in tief beeidruckender Weise nachgewiesen worden.“ Ronneberger war zu der wissenschaftlich begründeten Auffassung gelangt, daß die Jugoslawen, die sich - selbstverständlich auch publizistisch - der Umarmung durch Hitler-Deutschland und den Kriegsplänen der Nazis widersetzt hatten, selbst dafür verantwortlich waren, daß ihre Hauptstadt und mit ihr 17.000 Menschen Anfang April 1941 ohne Vorwarnung von deutschen Fliegerbomben vernichtet worden waren.

Einer, der sich wie Ronneberger den „Grundsatz der Sauberkeit und Anständigkeit in der Presse“ zu eigen gemacht hatte, war sein ehemaliger Kieler Studentenbundführer und Chef beim Auswärtigen Amt, SS-Obergruppenführer Paul Karl Schmidt. Der Gesandte I. Klasse und Leiter der Presse- und Nachrichtenabteilung des AA wurde am 6. Februar 1943 ins Präsidium der UNJ berufen. Nicht ganz vier Monate zuvor, am 15. Oktober 1942, hatte Schmidt, der in der BRD unter dem Namen Paul Carell firmieren sollte, auf einer Pressekonferenz des AA unbotmäßigen Journalisten aus der Schweiz mit Mord gedroht.

1944 krönte Ronneberger seine bisherige wissenschaftliche Karriere mit der Habilitation an der Hochschule für Welthandel; seine mehr als 700 Schreibmaschinenseiten starken „Staatswissenschaftliche(n) Betrachtungen über Südosteuropa“ blieben aufgrund der Kriegsereignisse allerdings unveröffentlicht. Leopold Mayer, der Führer des NSD-Dozentenbundes an der Wiener Hochschule, schrieb ihm folgende Sätze ins Stammbuch: „Dr. Ronneberger hat sich nicht nur als Lehrbeauftragter an der HfWh (Hochschule für Welthandel - Anm. d. Verf.) ... in jeder Hinsicht ... bewährt, sondern auch durch sein gesamtes persönliches Auftreten, seine weltanschauliche Haltung und seine großen Erfahrungen und Kenntnisse ... seine Eignung zum Hochschuldozenten erwiesen. Ich füge noch hinzu, daß Dr. Ronneberger sich seit Jahren als Mitarbeiter des „Völkischen Beobachter“ sowie namhafter Tageszeitungen der Volksdeutschen im Südostraum einen weit über die Reichsgrenzen reichenden Namen gemacht hat.“

Einen Namen hatte Ronneberger auch beim RSHA; seit dem 25. Oktober 1944 als Angehöriger der „Akademischen Legion beim höheren SS- und Polizeiführer Wien“ vom Volkssturm freigestellt, befahl ihn Ernst Kaltenbrunner am 20. Januar 1945 in die Terrorzentrale des Dritten Reichs. Als dieser gegen Kriegsende sein Hauptquartier von Berlin nach Alt-Aussee in der Steiermark verlegte, ging Ronneberger mit. Am 30. Mai 1945 wurde er im steiermärkischen St. Lambrecht von Angehörigen der britischen Streitkräfte verhaftet und später in Sandbostel interniert.

Die Entnazifizierung Ronnebergers überließ die britische Besatzungsmacht dem Spruchgericht Stade, wo ab Mai 1947 von seiten der Staatsanwaltschaft gegen ihn ermittelt wurde. Es sollte geklärt werden, ob Ronneberger aus freien Stücken Mitglied der SS geworden sei und von deren Verbrechen gewußt habe. Obwohl die Staatsanwaltschaft hierfür stichhaltige Beweise, unter anderem seinen Antrag auf ein Führungszeugnis zur Aufnahme in die SS, vorgelegt hatte, glaubte Landesgerichtsdirektor Dr. Grün Ronnebergers Beteuerungen, wonach er zum SD „notdienstverpflichtet“ worden sei und seinen SS-Rang nur „ehrenhalber“ erhalten hatte. Folgerichtig wurde Ronneberger am 8. September 1947 freigesprochen: „Da die Spruchkammer die Überzeugung gewonnen hat, daß der Angeklagte nicht als offizielles, d.h. ordentliches Mitglied der Allgemeinen SS anzusehen ist ..., brauchte sich das Urteil mit den von der SS begangenen verbrecherischen Handlungen und mit der Kenntnis dieser Dinge seitens des Angeklagten nicht mehr auseinanderzusetzen.“

Die Staatsanwaltschaft, die sich wahrscheinlich nicht damit abfinden wollte, daß Ronneberger, der 1943 - neben Honoraren - vom SD, dem Auswärtigen Amt und der Reichsstudentenführung Gehälter bezogen hatte, nun nicht einmal die Kosten des Verfahrens tragen sollte, ging in die Revision. Am 17. Juni 1948 verurteilte ihn derselbe Richter Grün „wegen Zugehörigkeit zur SS in Kenntnis von deren Verbrechen“ zu einer Geldstrafe von 5.000 Reichsmark, die mit der Internierungszeit als verbüßt galt. Ronneberger weilte zu diesem Zeitpunkt bereits seit einem halben Jahr bei seinen Schwiegereltern in Gelsenkirchen und mußte - nach eigenen Angaben „völlig mittellos“ - jetzt doch die Prozeßkosten bezahlen.

Ronneberger sollte jedoch nicht allzu lange an seinen Schulden bei der Staatskasse tragen; im gleichen Jahr kam er wieder zu Lohn und Brot. Bei der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung machte er sich während der kommenden zehn Jahre einen Namen als Leiter des Ressorts für Dokumentation, Wissenschaftredakteur und Kommentator. Die von ihm betreuten Volontäre hatten gegen Ende ihrer Ausbildung bestimmt eine gute Vorstellung von „sauberem“ und „anständigem“ Journalismus.

In seiner zweiten wissenschaftlichen Karriere, die danach, gestützt auf den Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft, begann, brachte er es bis zum Leiter des Instituts für Politik- und Kommunikationswissenschaft an der Universität Erlangen-Nürnberg.

1992 - Ronneberger war bereits 79 Jahre alt - erschien die gemeinsam mit seinem Schüler Manfred Rühl verfaßte „Theorie der Public Relations“. PR wird darin die Aufgabe zugesprochen, die sich Ronneberger gleichsam zur Lebensmaxime erkoren hatte: dem Gemeinwohl zu dienen. Wie hatte sich der „Ostforscher“ und Journalist noch gleich 1968 in einer Publikation der in München neugegründeten SOEG mit Blick auf die eigene Biographie geäußert: „Nicht wenige in der Kultur- und Wirtschaftspolitik tätigen deutschen Personen ... suchten, wenn auch bisweilen mit einem romantisch verstellten Blick, bei den Südostvölkern die durch die Zivilisation in Mitteleuropa verlorengegangenen Kräfte des Volkstümlichen, Volkshaften, Ursprünglichen, aber sie waren auch realistisch und nüchtern genug, darüber nicht die gegenseitigen Vorteile beim Aufbau dauerhafter Wirtschaftsbeziehungen im Sinne einer deutsch-südosteuropäischen Partnerschaft und industriellen Initialzündung zur Entstehung gesunder Volkswirtschaften der Südostländer zu vergessen.“

Ronnebergers positive Einstellung zur eigenen Geschichte zeigte sich zuletzt 1997 in einem Interview, bei dem Manfred Rühl die Fragen stellte. Mit „großem Elan“ und „sehr viel Einsatz“ habe er seine Pressedienststelle in Wien geführt, weil dies „für einen jungen Mann außerordentlich anziehend“ war. Daß für den jungen Mann auch der Nationalsozialismus außerordentlich anziehend war, verschweigt Ronneberger, wobei ihm Rühl sekundiert: In dessen biographischem Vorwort zum Interview wird aus Ronnebergers Internierung als SS-Offizier eine „zweijährige Kriegsgefangenschaft“; Ronneberger wurde auch nicht etwa in seiner Eigenschaft als Nazi, sondern als „Reichsdeutscher“ seiner Wiener Dozentur enthoben.

Stand der Untersuchung

Ganz gleich, ob vom Standort Deutschland, von der Sozialpartnerschaft oder davon gesprochen wird, daß alle an einem Strang ziehen müßten; es ist doch stets dasselbe intendiert: die Durchsetzung der Auffassung, „daß Kapital und Arbeit gemeinsame Aufgaben zu erfüllen haben“, wie Carl Hundhausen sich ausdrückte. Das Vertrauen, das die PR-Theoretiker meinen, entpuppt sich vor diesem Hintergrund als Vertrauen in die bestehende soziale Ordnung. „Public Relations ... hat die Aufgabe“, stellt Kunczik in einer ausführlichen Untersuchung fest, „einen Beitrag zur Systemstabilität zu liefern.“

Wer Vertrauen in ein auf ökonomischer Ungleichheit, Ausbeutung und Umweltzerstörung basierendes System einfordert, gerät unter Legitimationszwang; die von Kapital und Arbeit angeblich „gemeinsam“ zu erfüllenden Aufgaben müssen definiert werden. Als Ausweg bietet sich die Konstruktion eines wie auch immer gearteten „Gemeinwohls“ an, das sich auf dem Wege eines von PR vermittelten Interessenausgleichs gleichsam automatisch ergibt. Was aber, wenn die Realität die Menschen gerade in Zeiten der Krise daran zweifeln läßt, daß das Kapital gewillt ist, für das „Gemeinwohl“, also auch die allgemeine Wohlfahrt, zu sorgen?

Es bieten sich zwei Möglichkeiten: Diejenigen, die klassenkämpferischen Ideen huldigen oder anderweitig zu der Ansicht gelangt sind, daß sie ihre Interessen nur gegen die Kapitalbesitzer durchsetzen können, werden mit der Etikettierung „extremistisch“ aus dem Prozeß öffentlicher Meinungsbildung herausgedrängt - die kapitalistische Verfaßtheit der Massenmedien macht ‘s möglich. Den anderen wird durch den Hinweis auf ihre vermeintlich höherwertige Abstammung oder ihre Zugehörigkeit zu einer einflußreichen und mächtigen Nation eine Möglichkeit zur Identifikation mit der bestehenden sozialen Ordnung geboten.

Damit die rassistische Botschaft auch im Bewußtsein der Adressaten ankommt, muß sie von entsprechenden politischen Maßnahmen begleitet werden. Die faktische Abschaffung des Grundrechts auf Asyl und die mittlerweile fast vollkommene Entrechtung in Deutschland lebender Flüchtlinge sprechen eine ebenso deutliche Sprache wie Ronnebergers ausländerpolitische Thesen, wonach Arbeitsimmigranten als „Fremdarbeiter“ zu betrachten sind, die bei Bedarf angeworben oder abgeschoben werden können.

„Public Relations“ offenbart sich als Zwittergestalt: Zum einen ist darunter ein Bündel gezielter Kommunikationsmaßnahmen zu verstehen, mit Hilfe dessen eine korporativistische Sicht auf Staat und Gesellschaft transportiert werden soll; zum anderen ist PR selbst korporativistische Ideologie. Den sog. Öffentlichkeitsarbeitern gibt sie das Gefühl, nicht die egoistischen Interessen eines Konzerns oder einer staatlichen Agentur zu vertreten, sondern einen Ausgleich gesellschaftlicher Interessen zu gewährleisten und damit dem „Gemeinwohl“ zu dienen.

Selbstverständlich haben Unternehmen, staatliche und halbstaatliche Organisationen es schon immer verstanden, die Öffentlichkeit auf dem Wege der Manipulation für ihre Ziele und Absichten zu mobilisieren. Das einzig neue an PR ist, daß diese Kommunikationsdisziplin - im Gegensatz zu Werbung und Propaganda - ihre Legitimation bereits in sich trägt; ihr haftet unzweifelhaft das Image objektiver Information an, ohne das ihre Etablierung an Hochschulen und Universitäten nicht gelungen wäre. PR wird daher ganz besonders gerne im Rahmen des „Krisenmanagements“ angewandt, also dann, wenn soziale Widersprüche zu explodieren drohen und durch klassische Beeinflussung der Erfolg des jeweiligen Projekts nicht mehr zu erreichen ist.

Ihre gesellschaftliche Wirksamkeit aber bezieht PR nur zu einem Teil aus ihrer Identität als scheinbar objektive Information; wieder zeigt sich die Zwittergestalt dieser Kommunikationsdisziplin. Öffentlichkeitsarbeit richtet sich in vielen Fällen nicht an die sog. breite Öffentlichkeit, sondern an „relevante Teilöffentlichkeiten“: Journalisten, die als „Multiplikatoren“ der jeweiligen PR-Botschaft gebraucht werden; Kapitalfraktionen, politische Parteien und staatliche Institutionen, die als Bündnispartner gewonnen werden sollen; Gewerkschaftsfunktionäre oder Umweltschutzverbände, deren Zweifel zu zerstreuen sind. Hinter verschlossenen Türen werden Entscheidungen getroffen, durch persönliche Kontakte, Mitgliedschaften, finanzielle Zuwendungen und institutionelle Anerkennung Bindungen verstärkt: Wer mit im Boot sitzt, kann nicht für negative Schlagzeilen sorgen - so das korporativistische Credo.

Carl Hundhausen, Albert Oeckl und Franz Ronneberger haben die beschriebene Zwittergestalt der PR erkannt und ihr im Nachtrag zur eigenen alltäglichen Praxis eine Theorie gegeben. Daß sich ihre Tätigkeit dabei einmal unter faschistischen, einmal unter demokratisch-pluralistischen Vorzeichen vollzog, spielte für sie lediglich eine untergeordnete Rolle; die Grundlage ihrer Arbeit - die kapitalistische Verfaßtheit der jeweiligen sozialen Ordnung - war dieselbe geblieben. PR lief im Faschismus nur störungsfreier ab; ein Zustand, auf den sie auch unter den Bedingungen der Demokratie westlichen Typs hinwirkten.

Daß Oeckl und Ronneberger während des NS-Faschismus für verschiedene Geheimdienste arbeiteten, paßt nur scheinbar nicht ins Bild. Schließlich ist die Gewinnung, Aufbereitung, Analyse und gezielte Weitergabe oder auch das Verschweigen von Informationen nicht nur die alltägliche Routine aller nachrichtendienstlich Tätigen, sondern auch Grundlage erfolgreicher PR-Arbeit.

Die vorgestellten Biographien bieten neben sozialpsychologischen und ideengeschichtlichen Erklärungsansätzen eine weitere Möglichkeit zum besseren Verständnis der historischen Entwicklung von PR in Deutschland; der PR innewohnende Korporativismus tritt in ihrer deutschen Ausformung besonders deutlich zutage. Selbstverständlich konnte die Betrachtung der Lebensläufe deutscher „PR-Päpste“ im Rahmen dieser kurzen Untersuchung nur sehr oberflächlich erfolgen, zudem tauchten im Verlauf, besonders hinsichtlich der Spionagetätigkeiten, „weiße Flecken“ auf. In weiterführenden Arbeiten wird daher versucht werden, diesem Mangel abzuhelfen.

Veröffentlicht in: Medien & Zeit. Kommunikation in Geschichte und Gegenwart, 14. Jg., Nr. 1, 1999, S. 4-31.

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